6. Januar 2018 - Erscheinungfest


Predigt zu Kolosser 1,24-29

Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. Ihr Diener bin ich geworden durch den Auftrag, den Gott mir für euch gegeben hat, dass ich das Wort Gottes in seiner Fülle predige, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen. Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, auf dass wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in seiner Kraft, die mächtig in mir wirkt.

Liebe Gemeinde!

„Ich glaube nur, was ich sehe!“ Mancher spricht diesen Satz aus und überlegt gar nicht, dass er eigentlich gar nicht stimmen kann. Zum einen, weil wir ständig Dinge zu sehen bekommen, die wir nicht glauben sollen. Fake News, bewusst gefälschte Nachrichten, die gezielt desinformieren sollen, werden ständig in sozialen Netzwerken verbreitet. Dazu gehören auch manipulierte Bilder – die entweder etwas anderes zeigen, als die Bildunterschrift behauptet, oder die sogar total gefälscht sind – mit Fotoshop und anderen Bildbearbeitungsprogrammen ist das ja kein Problem. Manipulierte Bilder und fingierte Nachrichten sind inzwischen zu einem beliebten Propagandainstrument geworden, um Meinungen im gewünschten Sinn zu beeinflussen. Also: Nicht alles, was ich sehe, darf ich glauben.

Zum anderen glauben wir ständig Dinge, die wir nicht sehen. Da reden wir davon, dass ein Mensch eine besondere Ausstrahlung habe. Ich habe schon oft versucht, dem auf die Spur zu kommen, was das ist – die Ausstrahlung eines Menschen. Und wie man eine positive Ausstrahlung verbreitet. Habe einiges darüber gelesen. Aber es ist schwer zu erfassen. Vor allem, weil die Ausstrahlung eines Menschen, von unterschiedlichen Gesprächspartnern unterschiedlich wahrgenommen wird.

Mir erzählte vor Jahren eine Abiturientin in meinem damaligen Reli-Kurs, wie sie einst in den evangelischen Religionsunterricht kam. Ihre Eltern waren Exil-Iraner, ursprünglich Muslime, längst schon Atheisten. Doch als sie in die Grundschule kam, blieb sie einfach im Klassenzimmer, als Religionsunterricht war und empfand: Bei der Lehrerin war so ein Licht und ein Strahlen, das hat mich fasziniert. So blieb sie die ganze Grundschulzeit im Unterricht. Dann kam der Wechsel ins Gymnasium. Bei dem Lehrer, den sie dann in Religion hatte, nahm sie wieder dieses Licht und dieses Strahlen wahr. Und blieb dann bis zum Abitur dabei. Beide Lehrerkollegen kannte ich und hatte sie nie als besonders strahlkräftige Lichtgestalten wahrgenommen. Deshalb war ich überrascht, dass die Schülerin hier etwas Prägendes empfunden hatte. Da hatte etwas eine Wirkung, was ich nicht sehen konnte.

Ebenso kennen wir das merkwürdige Gefühl, für manche Dinge Kraft zu haben, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Beim Sport: eine Waldlaufstrecke, die mir sonst Mühe macht, spule ich an manchen Tagen problemlos herunter. Manchmal quäle ich mich mit Arbeiten am Schreibtisch, aber es gibt auch Momente, wo sie locker von der Hand gehen. Oder ich so in meinem Tun drin bin, dass ich nicht merke, wie die Zeit vergeht. Die Sternstunden für alle Lehrer sind solche, wo kein Schüler fragt: Wie lange geht es noch, sondern alle so in ihrem Tun drin sind, dass sie überrascht sind, wenn die 90 Minuten um sind. Psychologen sprechen von solchen motivierten Tätigkeitsphasen vom „Flow“ und viele haben sich Gedanken gemacht, wie er hergestellt werden könnte. Aber das ist schwierig. So wie die Ausstrahlung ist auch der Flow etwas, was ich von außen nicht sehen und kaum steuern kann.

Ein Licht, das in mir ist und ausstrahlt, eine Kraft, die innerlich mich antreibt. Zwei Dinge, die wir nicht sehen können, die aber doch wirkungsvoll da sind. Von daher ist der Satz: „Ich glaube nur, was ich sehe“ zu wenig durchdacht. Unsere Augen sind leicht zu täuschen und was in uns ist, kaum sichtbar.

Das versucht der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Kolossä deutlich zu machen: Äußerlich wahrnehmbar spricht vieles gegen den Glauben an Jesus Christus. Das Kind in der Krippe, so unscheinbar, dass die Weisen aus dem Morgenland Schwierigkeiten hatten, es zu finden, und von Herodes gleich verfolgt – wie wir vorher im Evangelium hörten. Der erwachsene Jesus, von den Machthabern inhaftiert und hingerichtet. Paulus selbst mit Widerstand konfrontiert, immer wieder von den Römern verhört, verurteilt, eingesperrt. Auch diesen Brief schreibt er aus dem Gefängnis nach Kolossä. Wie Jesus selbst, muss auch der, der für ihn öffentlich eintritt mit Widerspruch, Widerstand – ja sogar Leiden rechnen. In vielen Ländern der Welt ist das für Christen bis heute bittere Realität.

Äußerlich wahrnehmbar sind aber selbst bei uns ohne Verfolgung viele Dinge, die gegen den Glauben sprechen: Unerklärliches Leid, das Menschen zugemutet wird, dass so oft das Böse zu siegen scheint in der Welt, aber auch über unseren guten Willen in uns. Dass wir als Christen und als Gemeinde Jesu Christi oft nicht so gut sind, wie wir gerne sein wollen.

Dennoch, sagt Paulus, gibt es da mehr. Etwas, das unseren Augen von außen verborgen ist. Er nennt es ein „Geheimnis“. Das, was ihm innerlich Kraft gibt, trotz aller Widerstände, die Botschaft von Jesus weiter zu sagen. Das, was ihm die Ausstrahlung verleiht, Menschen aus vielen Völkern von dieser Botschaft zu überzeugen. Dieses Geheimnis, das wir von außen nicht sehen können, umschreibt er mit drei Worten: Christus in euch.

Psychologisch ist es schwer zu beschreiben, was die Ausstrahlung eines Menschen ausmacht. Was uns innerlich oft Kraft gibt. Aus der Perspektive des Glaubens aber ist es das: Christus in euch. Dass Jesus in unser Denken, Planen, Fühlen und Handeln hineinkommt. Und zwar er mit der ganzen Kraft Gottes.

Heute am Erscheinungsfest schließen wir ja den Weihnachtsfestkreis ab. Noch einmal blicken wir auf dieses Kind von Bethlehem, in dem Gottes Herrlichkeit, Gottes Licht in dieser Welt erschienen ist. Doch es wäre schade, wenn das nur die Hirten und die Weisen damals gemerkt hätten. Wenn das mit der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten zu Ende gewesen wäre. Deshalb gilt, was der Dichter Johann Scheffler, der sich schlesischer Engel, Angelus Silesius nannte, bereits vor vierhundert Jahren schrieb: "Halt an, wo läufst du hin - der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo. Du fehlts ihn für und für. Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren."

Christus muss in uns zur Welt kommen. Diese Kraft spürt Paulus in sich, wenn er die Botschaft zu den Menschen bringt. Und vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, Ausstrahlung und innere Kraft zu gewinnen.

Wenn wir uns nicht krampfhaft bemühen, aus unserer Kraft heraus etwas zu bewirken und positiv herüberzukommen. Sondern unser angestrengtes Bemühen einfach sein lassen und vertrauen: Christus wirkt in mir mit seiner Kraft. Das strahlt aus. Das lässt uns bei vielen Dingen gelassener mit Widerständen umgehen. Und damit wird unsere Ausstrahlung sofort besser.

Ich erinnere noch einmal an das Empfinden der Schülerin vom Anfang: Die beiden Religionslehrer habe ich nicht als perfekte Menschen kennengelernt, sondern als solche wie du und ich mit ihren Grenzen. Beide sind mir als Kollegen auch schon ziemlich auf die Nerven gegangen. Aber durch sie hat etwas gewirkt, was durch ihre Persönlichkeit mit ihren Stärken und Schwächen hindurchstrahlte. Das ist das, was Paulus hier meint: Christus in euch.

Wenn wir uns auf diesen Christus in uns besinnen. Von seiner Kraft leben, dann können wir von ihm weitersagen. Seine Herrlichkeit durch unser Reden und Tun ausstrahlen lassen. Dadurch wird von Gottes Herrlichkeit etwas erfahrbar in unserer Welt, in unserem Umfeld.

Dadurch können auch die Menschen, die glauben, sie glauben nur, was sie sehen, etwas von dieser Herrlichkeit Gottes wahrnehmen. Keine manipulierten Sinneseindrücke als fake News. Sondern, dass wir mit allen unseren Schwächen, trotz aller unserer Schwächen und wegen aller unserer Schwächen authentisch leben – von Christus in uns Kraft und Ausstrahlung bekommen. Amen.