31. Dezember 2017 - Altjahresabend


Predigt zu 2. Mose 13,20-22

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde!

Unter Medizinern erzählt man sich einen Witz, um die verschiedenen Fachrichtungen zu unterscheiden: „Der Internist weiß alles, kann aber nichts. Der Chirurg kann alles, weiß aber nichts. Der Pathologe weiß alles und kann alles – aber bis der Patient zu ihm kommt, ist es zu spät.“

Übertragen auf außerhalb der medizinischen Profession: Wer am Ende auf einen abgeschlossenen Sachverhalt zurückschaut, der weiß alles und kann alles – aber das ist auch keine Kunst mehr. Wer aber im akuten Fall Entscheidungen treffen muss, der gerät leicht an die Grenze seines Wissens und Könnens.

Das entspricht auch unserer Situation am letzten Tag eines Jahres. Im Rückblick wissen wir viel besser, als wir es vor einigen Wochen, Monaten oder gar am Beginn dieses Jahres 2017 gewusst haben. Da gibt es Dinge, die wir gerne zurückdrehen würden und neu starten. Ein Gespräch anders führen. Auf eine Situation anders reagieren. Eine Entscheidung revidieren. Etwas ungeschehen machen. Jetzt würden wir es besser können – obwohl uns klar ist: Dann würden wir halt andere Fehler machen.

Auf wieder anderes sind wir stolz: Das ist uns aber gelungen! Obwohl uns bewusst ist: Vieles von dem, was wir uns selbst auf die Fahnen schreiben, ist Produkt glücklicher Umstände oder verdanken wir im Grunde anderen.

Noch leichter fällt uns, wenn wir das Tun anderer beurteilen sollten. Wenn ich Bundeskanzler, Bürgermeister oder Bundestrainer wäre – wenn ich mit meinem Wissen und Können rangehe, dann stünde unser Land, unsere Stadt und vor allem die Fußballnationalmannschaft noch besser da! Denn ich weiß genau, was die anderen tun sollten, und kann es besser als sie. Aber wehe, ich müsste mich wirklich in diesen Aufgaben beweisen.

Und weil wir, wenn wir ehrlich sind, ahnen, wie begrenzt unser Wissen und Können ist, deshalb gehört zu einer Jahreswende nicht nur der Blick zurück, sondern auch der bange Blick nach vorn. Welche Herausforderungen warten auf uns 2018? Werden wir sie meistern?

Zu unserem begrenzten Wissen und Können gehören auch die Sorgen und Ängste. Was unbekannt ist, macht Bange. Obwohl wir wissen, dass unsere Sorgen meist nicht eintreten und wir um das Schlechte, das auch geschieht, uns vorher meist keine Gedanken machten. Trotzdem: Unübersichtlichkeit verunsichert. Das merken wir in unserem Land ja gerade sehr deutlich: Wir leben so sicher und in einem solchen Wohlstand wie kaum eine Generation vor uns. Dennoch blicken viele sorgenvoll nach vorne. Sehnen sich nach Abgrenzungen, die Sicherheit geben sollen – aber im Grunde die Probleme nur verschärfen.

Das war ja in jener biblischen Geschichte nicht anders, aus der wir vorher einen Abschnitt gehört haben. Da wurden die Israeliten befreit – durch Gottes Kraft aus der Sklaverei in Ägypten. Aber kaum hatten sie ihre neuen Freiräume bejubelt, kamen die Sorgen: Wie soll es weitergehen in der Wüste? War es in Ägypten nicht doch besser? Also eine typische Situation an der Schwelle zwischen bisherigem Leben und dem Neuen. Oder bei uns zwischen dem alten Jahr und dem neuen.

Da zeigt Gott seinen Leuten seine Nähe: bei Tag in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule. So geht er ihnen voran: in die Wüste, in die ungewisse Zukunft, durch Helles und durch Dunkles.

Feuersäule und Wolkensäule haben etwas Doppeldeutiges: Einerseits zeigen sie Gottes Nähe, andererseits verhüllen sie Gottes Gegenwart. Vielleicht deuteten die Israeliten ja auch Naturphänomene von Feuer und Wolken als Zeichen für Gottes Nähe.

So ist das immer mit den Zeichen für Gottes Nähe – sie sind nie eindeutig. Der Zweifel begleitet unseren Glauben. So war es bei den Israeliten in der Wüste, wo ja trotz Wolkensäule und Feuersäule, die Wege oft schwerfielen, wo sie murrten, haderten, zweifelten, verzweifelten.

So ist es bis heute. Wenn für den einen ein Regenbogen Zeichen für Gottes Zuwendung ist, deutet der andere das als bloßes Naturphänomen von Sonneneinstrahlung und Regentropfen. Wenn jemand eine glückliche Fügung dankbar als Gebetserhörung würdigt, ist es für den Mitmenschen vielleicht ein bloßer Zufall. Ein Bibelwort, das mir viel bedeutet, kann für meinen Gesprächspartner unverständlich oder sogar abschreckend sein. Brot und Wein auf dem Altar sind für den Christen Zeichen der Präsenz Jesu, für andere schlichte Lebensmittel. Selbst das Kind in der Krippe von Bethlehem: wir Christen sehen in ihm Gott, der Mensch geworden ist. Andere sehen es als bloß menschlich anrührende Szenerie. Oder gehen achtlos daran vorbei. Es gibt keine eindeutigen Beweise für Gottes Nähe. All das sind Zeichen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn wir aus einem Jahr herausgehen und in ein neues Jahr hinein, dann haben wir keinen Beweis für Gottes Nähe. Sondern wir haben wie die Israeliten damals seine Zusage: Ich werde bei dir sein. Und wir müssen uns wie die Israeliten einfach auf den Weg in dieses unbekannte Land machen. Wolkensäule und Feuersäule zeigten sich erst im Unterwegs-Sein. Als Begleiter. Auf dem Weg.

So erkennen wir die Zeichen für Gottes Nähe auch erst, wenn wir im neuen Jahr unterwegs sind. Trotz allem, was wir nicht wissen, wo wir unsicher sind, ob unser Können für die Herausforderungen ausreicht. Gottes Nähe zeigt sich, wenn wir die Kraft spüren, Schritt um Schritt weiterzugehen, wenn manches gelingt und umgekehrt: wenn wir im Scheitern erleben, dass die Welt trotzdem nicht untergeht. Wenn es Menschen gibt, die mit uns unterwegs sind, und wenn wir dort, wo wir alleine sind, uns getragen fühlen. Wenn wir dankbar zurückblicken auf das zu Ende gehende Jahr und solche Zeichen der Nähe Gottes entdecken. Wie gesagt: Es sind keine Beweise, sondern Zeichen – wenn wir dafür empfänglich sind, stärken sie unseren Glauben.

So sind wir Tag um Tag unterwegs. Wenn wir auf Gottes Nähe vertrauen, können wir mit allen unseren Sorgen zu ihm kommen. Beten und Klagen. Und für alles Schöne Gott danken – und es damit als nicht selbstverständlich nehmen. Im Hellen und im Dunkeln ist Gott da.

Der Witz von den Medizinern vom Anfang zeigt: Wer Entscheidungen für die Zukunft treffen muss, der kommt an Grenzen des Wissens und Könnens. Der kann scheitern. Wer aber mit Gott unterwegs ist. Die Zeichen seiner Nähe aufnimmt, der weiß sich begleitet – im Scheitern und Gelingen, bei Tag und bei Nacht. Amen.