30. September 2018 - 18. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu Jakobus 2,1-13

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken?

Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.

Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat: "Du sollst nicht ehebrechen", der hat auch gesagt: "Du sollst nicht töten." Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Liebe Gemeinde!

Am Beginn eines Schuljahres gebe ich den Schülern im Religionsunterricht die Aufgabe: „Welche Frage würde ich Gott gerne stellen?“ Dann bekomme ich ihre Fragen und Wünsche für Unterrichtsthemen heraus. Ein Achtklässler schrieb da: „Werde ich ein VIP?“ Also eine „very important person“ – eine sehr wichtige Person?

Das kann für einen Jugendlichen eine zentrale Frage und ein zentraler Wunsch sein: Wirklich wichtig zu sein. Was es dann wirklich ausmacht, wichtig zu sein – das werden wir vermutlich zu jeder Lebensphase anders beantworten. Als Jugendliche denken wir vermutlich wirklich ans Berühmt sein: Wie einer der Stars ob als Musiker, Schauspieler, Sportler. Später definieren wir uns über unsere Leistung in Ausbildung, Studium und Beruf. Danach über die Familie - die Kinder und Enkelkinder. Schließlich versuchen manche noch einen Neustart: wenn Männer anfangen, auf einen Marathon zu trainieren, ist das ein untrügliches Zeichen, dass der 50. Geburtstag näher rückt.

Doch wehe, irgendwo reißt diese Erfolgslinie ab und wir sind für niemand ein VIP, eine sehr wichtige Person. Mir steht da ein ehemaliger Mitschüler vor Augen. Gutes Abitur gemacht, Studium begonnen. Dann eine psychische Erkrankung, nochmals der Versuch, mit einer Berufsausbildung einen Neustart hinzubekommen, nochmals abgebrochen. Heute arbeitet er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Diakonie Stetten. Am Anfang kam er noch zu den Klassentreffen – dann nicht mehr. Er sagte es so: Ich halte das nicht aus, wenn jeder erzählt: Mein Beruf, meine Familie, mein Haus – und was habe ich?

Eine Aussage, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Denn ich hatte nie das Gefühl, irgendwie auf diesen ehemaligen Mitschüler herabgesehen zu haben oder ihn nachlässig behandelt. Und das galt vermutlich von allen Anwesenden. Und dennoch haben wir durch unsere Gespräche, ihm das Gefühl vermittelt: Du gehörst nicht dazu.

Etwas, das nicht nur bei Klassentreffen passieren kann, sondern auch in der christlichen Gemeinde. Obwohl es dort noch viel weniger jemand will, dass andere ausgegrenzt werden. Trotzdem gibt es Menschen, die den Eindruck haben: Ich gehöre nicht dazu. Ich will angesehen, wahrgenommen werden. In diesem Sinne tatsächlich ein VIP, sehr wichtig als Person, sein. Aber es wird mir vorenthalten. Solche Erfahrungen tun mir noch mehr weh als die meines ehemaligen Mitschülers, der wenigstens in der katholischen Kirchengemeinde seines Heimatortes sich angenommen fühlt. Weil solche Ausgrenzungen meist unbedacht geschehen und wir eher indirekt davon erfahren.

Es ist bereits mehr als zehn Jahre her: Ich hatte in einer Nachbargemeinde Urlaubsvertretung für einen sehr guten und dort sehr beliebten Kollegen. Während der Vertretung hatte ich eine jüngere Frau zu bestatten. Einige Jahre später riefen mich die Eltern dieser Frau an, ob ich den Gottesdienst zu ihrer goldenen Hochzeit halten könnte. Meine Gegenfrage: Warum fragen Sie nicht Ihren Gemeindepfarrer? Der würde sie ignorieren. Nach dem Tod der Tochter sei er nie vorbeigekommen, die Nachbarin, deren Mann verstorben sei, hätte er aber ständig besucht. Das sei doch ungerecht! Ein Pfarrer sollte doch ohne Ansehen der Person arbeiten! Ein Telefonat mit dem Kollegen später, war mir klar, was passiert war: Die Nachbarin hat ihn schlicht und ergreifend angerufen und er kam deshalb zu ihr. Hätten das diese Leute genauso gemacht, wäre er zu ihnen genauso gekommen. Ich bin damals erschrocken: So rasch können wir in der Gemeinde Menschen kränken. Das hätte mir nach einem Urlaub ebenso passieren können. Weil Menschen hier sehr empfindlich sind und sich so leicht zurückgewiesen fühlen.

Das ist kein neues Phänomen. Bereits Jakobus weist seine Gemeinde darauf in. Mit fast genau denselben Worten, die jenes goldene Hochzeitspaar damals im Telefonat verwendete: Haltet den Glauben frei von jedem Ansehen der Person. Als Beispiel verwendet Jakobus hier einen Reichen und einen Armen, die in die Gemeinde kommen. Und diese Christen verhalten sich so, wie es jeder Fundraising-Berater bis heute empfiehlt: Potentielle Spender müssen umworben werden. Also wird der Reiche besonders hofiert und bekommt einen Ehrenplatz. Der Arme wird hingegen fast nicht beachtet und darf gewissermaßen am Katzentisch Platz nehmen. Von ihm kann die Gemeinde ja nichts erwarten. Von außen betrachtet: Ein kluges und berechnendes Verhalten. Pflegt die Kontakte, die euch weiterbringen, und reduziert die, die euch nichts nützen, auf ein notwendiges Minimum.

Aber kein Verhalten, das dem Geist der Gemeinde Jesu Christi entspricht. Jesus selber, der Herr der Herrlichkeit, wurde arm. Liebe zum Nächsten ist das zentrale Gebot Gottes – das königliche Gesetz nennt es Jakobus. Jeder Christ lebt von Gottes Liebe und Barmherzigkeit – also soll er so auch anderen begegnen. Das macht uns frei von Vorurteilen und sozialen Schranken. Deshalb heißt dieses Gesetz hier zugleich: Gesetz der Freiheit.

Alles klar, Jakobus - so könnten wir antworten. Das wissen wir eigentlich schon. Und wir bemühen uns ja auch darum. Wir helfen doch vielen Armen – haben ein hoch professionelles System der Diakonie, spenden für viele Nöte in der ganzen Welt. Wenn jemand um Hilfe bittet, bekommt er die in der Regel bei uns.

Richtig – und wichtig, keine Frage! Aber bei solchen Angeboten kommen Bedürftige als Bittsteller, denen wir selbstverständlich helfen. Das verstärkt bei ihnen aber den Eindruck, nicht willkommen zu sein. Nicht auf Augenhöhe uns zu begegnen. So wie jener Klassenkamerad dieses Gefühl bei unseren Treffen hatte. Keiner wollte ihn irgendwie brüskieren und trotzdem entstand bei ihm das Gefühl: Da gehöre ich nicht dazu. Oder wie jenes goldene Hochzeitspaar – der Pfarrerskollege musste nach drei Wochen Urlaub irgendwie wieder das bewältigen, was ihn da erwartete und reagierte deshalb auf eine konkrete Bitte rascher als auf eine nicht Ausgesprochene.

Solche Situationen werden wir nie ganz vermeiden können. Das einzige, was wir tun können, ist eine Grundhaltung einüben: Ich lebe von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Ich lebe diese Liebe und Barmherzigkeit anderen gegenüber. Ich traue nicht meinem ersten Eindruck. Ich achte nicht nur auf Äußerlichkeiten. So wie vor Gerichtsgebäuden oft die Justitia dargestellt ist mit verbundenen Augen. So soll ich mich vom Augenschein und von meinen Vorurteilen nicht blenden lassen.

Natürlich hat jeder von uns Vorurteile. Natürlich sind jedem von uns bestimmte Menschen sympathischer als andere. Natürlich finden wir zu manchen leichter einen Draht als zu anderen. Das sollen wir gar nicht verdrängen. Je bewusster wir das wahrnehmen, desto weniger kann es uns unterschwellig beeinflussen. Desto eher können wir uns davon frei machen. Desto mehr können wir auch dem auf den ersten Blick anstrengenden oder unsympathischen Zeitgenossen mit dieser Grundhaltung begegnen: Für mich bist du jetzt ein VIP – eine wichtige Person. In Gottes Augen wichtig und wertvoll und damit auch in unserer Gemeinde willkommen.

Selbstverständlich: Nie wird uns das in Perfektion gelingen. Und je mehr wir gerade im Stress sind, desto eher beeinflussen uns unsere Vorurteile und oberflächlichen Eindrücke. Immer werden Menschen sich von uns abgelehnt und übersehen fühlen. Denn wir sind nicht vollkommen. Aber auch in dem leben wir von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Das nach außen ausstrahlen, hilft viel: „Redet und handelt so wie Leute, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden.“ Amen