3. Dezember 2017 - Erster Advent


Predigt zu Offenbarung 5,1-5

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

Liebe Gemeinde!

„Morgen ist heute schon gestern!“ So sagen wir manchmal, wenn wir sagen wollen: Die Zeit vergeht rasch. Und gerade in diesen Tagen im Dezember sind wir oft überrascht: Wieder ist ein Jahr fast vorbei. Hat 2017 nicht erst angefangen? Und Weihnachten kommt immer so plötzlich …

Gerade weil wir es so empfinden: Die Zeit rast dahin, deshalb sind wir in Gedanken oft schon nicht mehr beim Heute, sondern beim Morgen. Und weil wir uns ständig mit der Zukunft befassen, kommt uns die Gegenwart so flüchtig, so rasch vergangen vor. Wir beschäftigen uns mit der Zukunft, weil die Zukunft für uns unbekannt ist. Das weckt Hoffnung: Was ich nicht kenne, kann ja besser sein als das bekannte Heute. Noch mehr oft weckt es Sorgen: Was bringt die Zukunft? Unbekanntes könnte ja auch schlimmer sein als die bekannte Gegenwart und die noch mehr bekannte Vergangenheit.

Vielleicht ist das ja auch ein Altersphänomen: Je jünger wir sind, desto mehr Hoffnungen setzen wir auf die Zukunft: Wenn ich mal 18 bin … Wenn die Schule endlich aufhört … Wenn ich im Beruf bin und das eigene Geld verdiene … Familienplanung, Karrierewünsche, Hausbau … Je älter wir werden, desto mehr davon haben wir erreicht. Illusionen sind an der Realität gescheitert. Die Einschränkungen nehmen zu. Die Einsicht: Keiner wird jünger und gesünder. Damit verbunden sind eher die Sorgen.

Ich sage mir manchmal, wenn ich zu sehr jammere über die Last des Alltags und den Beruf: Jetzt hast du die Probleme, die du dir vor fünfundzwanzig Jahren gewünscht hast. Da wolltest du das Examen bestehen, in diesen Beruf kommen – wenn du jetzt die Schattenseiten des Berufs wahrnimmst, dann zeigt das: Deine Wünsche von damals sind Wirklichkeit geworden.

Und meist ist ja beides gemischt vorhanden bei unserer Beschäftigung mit der Zukunft: Sorge und Hoffnung, Wunsch und Befürchtung. Beides kann nur sich entwickeln, weil wir nicht wissen, was die Zukunft uns bringt. Weil sie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Das wir nicht öffnen können. Sondern das geöffnet wird – Seite für Seite, Tag für Tag.

Genau das nimmt der Seher Johannes wahr in jener Vision, von der wir gerade aus der Bibel gehört haben. Das zukünftige Geschehen ist hier ein Buch – beidseitig beschrieben, also mit den guten und den schwierigen Seiten, mit dem, was hoffen lässt, mit dem, was Befürchtungen weckt. Und versiegelt mit sieben Siegeln. Zunächst nicht zu öffnen.

Auf die Frage des Engels: Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und die Siegel zu brechen? Schweigen im ganzen Kosmos. Niemand kann die Zukunft beherrschen. Niemand kann Gottes Plan für die Zukunft umsetzen. Darüber wird Johannes traurig.

Warum? Weil dann die Zukunft ohne Plan bleibt. Wer hat die Zukunft dann in der Hand? Für Johannes und seine Gemeinden war das eine bedrängende Frage. Die Römer verfolgten die Christen. Johannes selbst war auf die Insel Patmos verbannt worden vor der Küste der heutigen Türkei. Haben die römischen Machthaber, hat der Kaiser Domitian in Rom die Zukunft in der Hand? Bestimmen sie über das Schicksal der Christen und der ganzen Welt?

Ähnliche Fragen, die jeder stellt angesichts der sieben Siegel, die das Buch der Zukunft verhüllen. Heute: Liegt die Zukunft dieser Welt in der Hand von Kim-Jong-Un oder Donald Trump, Wladimir Putin oder Tayyip Recep Erdogan? Wird die Zukunft bestimmt von Atombomben oder dem Klimakollaps? Von Feinstaub oder Smog? Von Krebs oder Alzheimer? Wer hat mein Leben, das Leben dieser Welt in der Hand? Wenn wir so fragen, können wir die Traurigkeit des Johannes verstehen.

Doch Johannes wird getröstet. Einer der Engel am Thron Gottes spricht ihn an: Weine nicht! Einer ist Sieger über alles Böse. Einer kann das Buch und seine Siegel öffnen.

Wer ist dieser Sieger, der die Zukunft bestimmt? Sein Name wird umschrieben mit Worten des Erzvaters Jakob und des Propheten Jesaja: Der Löwe aus dem Stamm Juda und einer aus der Familie des Königs David. Damit wurde der erhoffte neue Herrscher, der Messias, der Sohn Gottes beschrieben. Für Johannes war klar, wen der Engel meinte: Jesus, den Sieger über den Tod.

Damit ist deutlich, was die Zukunft bringt. Nein, wen die Zukunft bringt: Jesus, den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Damit wird nicht gesagt: In der Zukunft wird alles besser. Aber ebenso wenig wird gesagt: In der Zukunft wird alles schlechter. Sondern: Egal, was kommt, einer ist an jedem Tag da. Einer ist auf jeder Seite dieses Buches da, die aufgeschlagen wird. Auf den guten und den schwierigen: Jesus. Der das Leid und den Tod bereits besiegt hat. Der uns mit dieser Kraft begleitet durch jeden Tag, der kommt. Durch Schönes und durch Schweres. Das Buch der Zukunft liegt in Gottes Hand. Bis einmal die letzte Seite aufgeschlagen wird und Gottes neue Welt anbricht. Und alles Leid zu Ende sein wird.

Das ist die Zukunftsperspektive des Glaubens. Die Zukunft ist zwar ein Buch mit sieben Siegeln, verborgen und unbekannt vor uns – aber in ihr ist der Sieger Jesus da.

Zukunft heißt: Es kommt etwas auf uns zu. Für uns Christen kommt aber nicht irgendetwas auf uns zu. Sondern einer kommt auf uns zu: Christus. Im Lateinischen wird das deutlich an den zwei Begriffen für die Zukunft. Das Futurum kennen wir aus der Grammatik. Das Sein der Gegenwart verlängert sich. Es wird etwas, entsteht etwas. Gutes oder Böses.

Der andere Begriff heißt: Adventus. Zukunft in dem Sinne: Einer kommt auf uns zu, einer kommt in dieser Zeit an. Diesen Advent, diese Zukunft feiern wir heute: Christus kommt auf uns zu, an jedem Tag. Zukunft ist nicht nur Verlängerung der Gegenwart zum Besseren oder Schlechteren. Zukunft ist: Jesus ist da an jedem Tag. Er öffnet die Siegel und das Buch der kommenden Dinge.

So können wir in die Zukunft gehen, uns Seite um Seite öffnen lassen von diesem Buch. In die Zukunft, die immer beide Seiten hat: Schöne und schwere. Aber weil wir vertrauen: Christus hält in dieser Zeit Advent können wir mit ihm in die Zukunft gehen. Nicht Gewaltherrscher, nicht Umweltkatastrophen, nicht Kriege und nicht Krankheiten bestimmen auf Dauer unsere Zukunft. Sondern er. Deshalb können wir nüchtern Tag für Tag nehmen. Das tun, was wir können, und das andere getrost dem Gott überlassen, der das Buch der Zukunft in der Hand hält. Amen.