29. Oktober 2017 - 20. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu 1. Mose 8,18-22

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Liebe Gemeinde!

Vorletzte Woche erschreckte mich eine Nachricht: Durch die Umweltverschmutzung sterben mehr Menschen als durch Kriege und Terrorismus. Besonders in den armen Ländern, weil der Klimawandel ihnen die Lebensgrundlagen raubt. Weil durch Abgase und giftige Abfälle die Gesundheit ruiniert wird. Weil das Schmelzen des Polareises den Meeresspiegel ansteigen lässt, so dass Küstenregionen bedroht sind. Und auch bei uns gibt es Diskussionen um die Feinstaubbelastung in Stuttgart, die Wegwerfmentalität und die Tendenz, auch für kürzeste Strecken das Auto zu nehmen. Die Frage, wie erzeugen wir am besten den Strom. Ich finde da uns Deutsche immer etwas merkwürdig: Ein Atomkraftwerk wie Gundremmingen will man nicht vor der Haustür haben, aber Windkraftanlagen stören ebenso unsere Optik, eine Biogasanlage sorgt für die Vermaisung der Landschaft, die uns nicht gefällt, man möchte keine Speicherseen haben und auch keine Hochspannungsleitungen über dem Dach. Doch Energie sparen will man auch nicht. Nach dem Motto: Warum Energie erzeugen und transportieren, wenn der Strom eh aus der Steckdose kommt? Wie er da hineinkommt, scheint uns weniger zu kümmern. Unser Lebensstil tut der Erde nicht gut.

Die Welt ist bedroht – das wird uns in unserer technisch hoch entwickelten Zeit bewusst. Für den Menschen der Antike war das noch deutlicher, weil Hochwasser, Dürren, Unwetter noch lebensbedrohlicher waren. Aber auch unser Lebensstil führt dazu, dass diese Gefahren zunehmen – wir sind letzten Sommer durch Braunsbach am Kocher geradelt, wo wenige Monate zuvor ein verheerendes Hochwasser große Teile des Ortes zerstört hatten.

Die Welt ist bedroht – das spiegeln die Geschichten von der Sintflut, die ja nicht nur in der Bibel überliefert werden, sondern in vielen antiken Texten. Weil die Bedrohung durch Wasser und Schlamm allgegenwärtig waren.

Doch die Geschichte von der Sintflut ist keine bloße Katastrophengeschichte. Es ist vor allem die Geschichte der Rettung Noahs, seiner Familie und einiger Tiere. Das Ökosystem Arche bot Schutz.

Aber nicht die Arche rettete, sondern Gott. Gott will mit dieser Welt in ihrem Bedroht sein und mit den Menschen, die sie bedrohen, neu anfangen. Er begründet die Sintflut mit der Bosheit der Menschen. Doch die war dadurch nicht auszurotten. Und so sagt Gott zu Noah: „Ich will in Zukunft die Erde nicht mehr schlagen, wie ich es getan habe, denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Gott will also die Erde bewahren mit den Menschen, die sie gefährden, trotz und mit aller menschlichen Bosheit. Er trägt das Böse der Menschen und bewahrt sie vor den Folgen. Er garantiert die wechselnden Rhythmen von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Ist damit alles jetzt in Ordnung? Brauchen wir uns um diese Welt nicht mehr kümmern, weil Gott für sie sorgt? Können wir resignativ und zugleich unbeschwert sagen: wenn unser Herz böse ist, dann können wir eh nichts ändern. Frei nach Wilhelm Busch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s frei und ungeniert?

Das wäre zu billig und zu verantwortungslos. Die Zusage Gottes ist kein Freibrief für Rücksichtslosigkeit. Vielmehr ist sie ein Schutz, wenn wir mit unserem Bemühen um diese Erde scheitern.

Denn die Erfahrung: Unser Tun und Denken ist böse, macht jeder, der ehrlich und selbstkritisch ist. Keiner will diese Erde mutwillig schädigen und dennoch tun wir es. Durch unser Konsumverhalten. Durch unsere Art der Mobilität. Durch unseren Müll. Die Folgen haben wir und andere zu tragen, wie wir bereits am Anfang feststellten. Wir machen die Erfahrung, die der Apostel Paulus so beschreibt: Das Gute, das ich will, tue ich nicht. Aber das Böse, das ich nicht will, tue ich.

Diese Erkenntnis steht am Anfang der Rettung und Bewahrung. Wir bemühen uns, die Schöpfung zu bewahren, schaffen es aber nicht aus eigener Kraft. Deshalb baut der gerettete Noah einen Altar. Opfert für Gott. Und Gott lässt sich auf das Opfer ein und gibt seine Zusage.

Opfer in der Bibel ist die Brücke zwischen Gott und Mensch. Man opfert Tiere, um Gott an unserer menschlichen Mahlzeit teilnehmen zu lassen. Deshalb verbrennt man sie und lässt den Rauch in den Himmel steigen. Wenn Gott es riecht, setzt er sich gewissermaßen mit dem Menschen wieder an einen Tisch.

Wir opfern heute nicht mehr. Der Hebräer-Brief begründet dies damit, dass Jesus durch seine Hingabe am Kreuz ein für alle Mal sich geopfert hat. Durch sein Kommen in diese Welt, dadurch, dass er sich auf die Bosheit der Menschen mit allen Konsequenzen eingelassen hat, hat er die Brücke gebaut zwischen Gott und Mensch. Jesus hat dies gezeigt, indem er sich mit vielen an einen Tisch gesetzt hat, die schuldig geworden waren. Das ist derselbe Gedanke, der hinter dem Opfer des Noah steht: Gott setzt sich mit uns Menschen an einen Tisch. Er bleibt uns trotz unseres Versagens nahe. Er zieht sich nicht mehr zurück von uns wie bei der Sintflut. Wir leben von Gottes Zuwendung, von seiner Nähe.

Wenn wir unsere eigene Bosheit, unsere eigene Schwäche, unser eigenes Versagen eingestehen und damit zu Gott kommen, dann können wir nicht mehr diese Haltung haben: Nach mir die Sintflut.

Sondern wir kümmern uns um diese Welt so gut es geht. Überlegen: Wo kaufen wir was ein? Welche Strecken legen wir mit welchem Verkehrsmittel zurück? Wie können wir Müll vermeiden? Was essen wir – möglichst regional und saisonal? Wie helfen wir den Menschen in den armen Ländern, die unter den Folgen unseres Lebensstils leiden?

Damit werden wir sicher die Welt nicht retten. Und die Schöpfung nicht bewahren. Aber unsere Verantwortung wahrnehmen. Dann können wir Rettung und Bewahrung Gott überlassen, der es Noah bereits zugesagt hat.

Die Zusage Gottes gilt für „alle Tage der Erde“. Kommen diese Tage an ihr Ende durch unser Verhalten? Oder kommen sie an ihr Ende dadurch, dass Gott den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird, in der es keine Bosheit und kein Leid mehr gibt? Die neue Schöpfung ist uns von Gott versprochen, ob wir vorher die alte Welt ruinieren, wird die Zukunft zeigen. In jedem Fall sollen wir jeden Tag, den Gott uns Menschen trotz unserer Bosheit schenkt und an dem er die Rhythmen von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht garantiert, verantwortlich nutzen.

Weder fatalistisch sagen: „Wir können eh nichts machen.“ Noch weltflüchtig auf ein besseres Jenseits, auf Gottes neue Welt, spekulieren. Sondern uns Tag für Tag der Verantwortung für diese Welt stellen, so gut es geht. Gottes Nähe suchen und aus seiner Kraft unsere Aufgaben erfüllen.

Von Martin Luther wird der Satz überliefert: Und wenn die Welt morgen unterginge, pflanzte ich heute noch ein Apfelbäumchen. Auch wenn er sich bisher noch nicht in Luthers Schriften hat finden lassen, ist es doch ein schönes Bild für das Ineinander von Gottes Tun und unserer menschlichen Verantwortung.

Ja, unsere Welt ist gefährdet. Aber Gott hat sich gerade diese Welt und uns schwache Menschen ausgesucht, um ganz nahe zu sein. Deshalb leben wir mit Gott in dieser Welt an allen Tagen, die er schenkt. Wie es Dietrich Bonhoeffer schrieb: Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht. Amen.