29. Juli 2018 - 9. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Jeremia 1,4-10

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde!

Die meisten Aufgaben, die wir Tag für Tag tun, haben wir uns nicht ausgesucht. Sie wurden uns vor die Füße gelegt. Das gilt vom Ehrenamt – wer sich in einem Verein engagiert, ist da oft hineingewachsen. Es gab Tätigkeiten, für die sich niemand fand oder für die ich angefragt wurde – ich habe es gemacht. In der Familie: Da übernehmen Eltern für ihre noch kleinen Kinder die Sorge – und erwachsene Kinder für ihre älter werdenden Eltern. Da gab es das Familienmitglied, das Pflege brauchte und ich habe mich dem gestellt. Im Beruf konnten sich vermutlich wenige von uns bei ihrer Berufswahl vorstellen, mit welchen Tätigkeiten sie jeden Tag zubringen. Dass ich das mache, was ich gerade tue – das Predigen – das war mir natürlich von Anfang an klar. Aber das ist deshalb auch nichts, was wirklich Mühe macht. Aber dass man sich um die Gestaltung eines Kirchvorplatzes Gedanken machen muss, über die Finanzierung eines Kindergartens oder was auch immer so kommt – das hätte ich vielleicht wissen können, aber so nicht einbezogen.

Ja, es gibt Aufgaben, die habe ich mir gesucht. Andere Aufgaben, die musste ich einfach erledigen, weil kein anderer da war und es sonst zu einem Problem gekommen wäre. Es gibt Tätigkeiten, für die wurde ich angefragt. Aufgaben kommen also auf mich zu, die Frage ist, wie ich darauf reagiere, wie ich damit umgehe.

Je nach Typ ist das ja sehr unterschiedlich: Die einen reißen sich um jede Tätigkeit. Man sagt dann ironisch: Die schlafen bei offenem Fenster, dass sie ja den Ruf nicht überhören. Wenn sie für verantwortungsvollere oder gar prestigeträchtige Funktionen angefragt werden, dann denken sie eher: Endlich merken die auch, wie gut ich bin!

Die anderen erschrecken eher, wenn Aufgaben auf sie zukommen. Fragen sich skeptisch: Kann ich das? Alles, was mir nicht gelungen ist, steht mir vor Augen. Vielleicht habe ich Angst vor Ärger, den ich mir einhandle.

Ich denke: Die vorsichtige oder gar ängstliche Reaktion ist die angemessenere, wenn uns Aufgaben vor die Füße gelegt werden. Wer bei offenem Fenster schläft, um den Ruf nicht zu überhören, ist oft zu selbstsicher. Unterschätzt die Aufgabe und überschätzt sich selbst. Wer hingegen erst einmal vorsichtig ist, hat eher Respekt vor dem, was auf ihn zukommt. Holt sich eher Hilfe. Bereitet sich gründlicher vor.

Deshalb ist die Reaktion des Jeremia im eben gehörten Bibelwort gut verständlich. Gott will ihn als Prophet zu den Menschen schicken. Jeremia greift nicht selbstbewusst nach der Aufgabe, sondern wehrt sich dagegen. Und signalisiert damit Gott: Ich kann das nicht allein!

Doch da erhält Jeremia Gottes Zusage. Eine dreifache Zusage. Gottes Zusage

  1. kommt zuvor
  2. kommt mit
  3. kommt an.

Gottes Zusage kommt zuvor: Noch bevor Jeremia geboren wurde, hast Gott ihn bereits im Blick gehabt. Gott hat mit ihm von Anfang an etwas vor. Gott hat Jeremia erkannt. Das bedeutet in der Sprache der Bibel: Gott steht in einer engen Beziehung zu Jeremia. Er hat ihn geheiligt – das heißt: herausgelöst aus den alltäglichen Abhängigkeiten und Bindungen und in ein enges Verhältnis zu Gott gestellt. Weil Gott für Jeremia eine Aufgabe hat als Prophet für die Völker. Von Anfang an.

So ist jeder Mensch ein einmaliges Geschenk Gottes für diese Welt. Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er dir und mir unser Leben gegeben hat. Schon vor unserer Geburt trat er in eine enge Beziehung zu uns. Will mit uns gemeinsam handeln, dass wir uns an ihm orientieren. Hat eine Aufgabe für uns.

Wir müssen nur entdecken, welche Aufgabe Gott für uns bereithält. Dies zu entdecken, ist nicht einfach. Das merken wir bei Jeremia, der abwehrend auf Gottes Ruf reagiert. Und wir fragen vielleicht noch stärker: Woran erkenne ich überhaupt Gottes Ruf?

In der Regel nicht dadurch, dass wir Gottes Stimme irgendwie im Traum hören. Jeremia berichtet vielmehr: Das Wort des Herrn geschah zu mir. Es sind Ereignisse, Fügungen, Zufälle, die uns Aufgaben vor die Füße legen. Die uns entdecken lassen: Du hast eine Begabung für diese Aufgabe.

Das sind ja manchmal ganz eigenartige Dinge. Nach meiner Konfirmation hat mich der Pfarrer, der mich konfirmiert hatte, gefragt, ob ich im Kindergottesdienst mitarbeiten will. Meine Mutter meinte damals: Ich glaube zwar nicht, dass du das kannst – aber probier es halt aus! So machte ich es und hatte Freude daran. Bei der Jungschar war es genau umgekehrt. Da wurden Mitarbeiter gesucht und ich habe mich einfach gemeldet, ohne dass mich jemand gefragt hatte. Und wieder ging es gut. Und umgekehrt: Ich muss auch selbstkritisch bleiben: Bin ich wirklich für das geeignet, was ich gerade mache? Im hauptamtlichen Jugendpfarramt war mir irgendwann klar: Wenn die Amtszeit abgelaufen ist, dann sollte ich nicht mehr verlängern. Meine Eignung dafür war recht überschaubar. Und bei manchen anderen Aufgaben hat Gott rechtzeitig die Tür geschlossen, dass ich gar nicht in Versuchung gekommen bin, Dinge zu tun, die ich nicht kann.

Das ist Gottes zuvorkommende Zusage – bevor er mich in diese Welt gestellt hat, kam seine Zusage bereits zuvor.

Das zweite: Gottes Zusage kommt mit. Gott berührt Jeremia mit seinem Wort. Legt ihm seine Worte in den Mund. Gott kommt mit, wenn Jeremia zu den Menschen geht.

So geht Gott mit uns, wenn wir Aufgaben zu erfüllen haben. Er gibt uns die richtigen Worte. Er berührt uns mit seiner Kraft. Es gab in meinem Leben immer wieder Aufgaben, da dachte ich: Wie konnte Gott nur so naiv sein, diese Aufgabe ausgerechnet mir zu übertragen. Ob das damals in der Kinderkirche war. Später im FSJ in der Diakonie-Sozialstation bei der Alten- und Krankenpflege. Zehn Jahre lang als Bezirksjugendpfarrer. Aber merkwürdig: Es ging. Ich sage in solchen Situationen zu Gott: Ich vertraue, dass du mir diese Aufgabe gegeben hast. Wenn es so ist, hilf mir. Wenn nicht, zeige mir, wann ich gehen soll. Gottes Zusage ist mitkommend.

Das Dritte: Gottes Zusage kommt an. Wohin Jeremia kommt, ist Gott mit seiner Zusage und Hilfe bereits da. Jeremia soll Falsches einreißen und Gutes aufbauen. Er soll auch Widerstand aushalten.

Wer Gottes Zusage folgt, wird sich auch Ärger und Streit einhandeln. Weder konfliktscheu dem ausweichen noch streitsüchtig keinem Konflikt aus dem Weg gehen. Beides wäre falsch. Sondern fragen: Was ist hier nötig? Welcher Zuspruch für jemand und welcher Widerspruch? Zeigt mir Widerstand, dass ich auf dem richtigen Weg bin oder auf dem falschen? Um das zu entscheiden, muss ich sehr gut auf die Signale von außen achten. Bereit sein, durchzuhalten. Und bereit sein, umzudenken.

So werden uns Aufgaben vor die Füße gelegt. Sind sie uns von Gott gegeben oder maßen wir uns etwas an, was uns nicht zusteht? Hier Gottes Zusage vertrauen, die uns zuvorkommt, mit uns mitkommt, bei der wir ankommen. Und mutig, aber zugleich sensibel. Mit Zuversicht, aber zugleich mit Vorsicht weitergehen. Amen.