28. Januar 2018 - Septuagesimae


Predigt zu Jeremia 9,22-23

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde!

Als Kinder spielten wir gerne mit Quartett-Karten. Das waren Spielkarten, auf denen Autos oder Flugzeuge abgebildet waren. Jeder hatte eine Stapel Karten auf der Hand und legte eine in die Mitte. Wer als erstes legen durfte, gab vor in welcher Kategorie die Autos oder Flugzeuge verglichen wurden. Und der machte den Stich, dessen Auto die höchste PS-Zahl hatte oder dessen Flugzeug am meisten Passagiere transportieren konnte oder dessen Schiff die größte Höchstgeschwindigkeit hatte. Man musste mit dem auftrumpfen, was seine Karte hergab. Ähnlich vor einigen Jahren die Werbung einer Bank, wo zwei alte Schulfreunde sich begegnen und ähnlich Bilder auf den Tisch hauten, wie wir früher die Spielkarten: Mein Haus, mein Boot, mein Auto! Wer hat mehr erreicht?

Ähnliches Angeben mit der eigenen Leistung kennen wir aus vielen Bereichen: da erzählen einem Menschen stolz, wie viel Fahrradkilometer sie pro Jahr zurücklegen, was ihre Kinder oder Enkel erreicht haben, auch bei Pfarrern drehen sich Gespräche im Kollegenkreis um angebliche Aufbrüche mit steigenden Gottesdienstbesucherzahlen, wachsenden Gemeindegruppen und ähnlichem. Mir wurde das vor mehr als zehn Jahren klar, als ich dachte: Langsam musst du etwas für deine Karriere tun und mich für eine Stelle als Schuldekan interessierte. Ich war dann bei einem Gespräch auf dem Oberkirchenrat, wo mir der zuständige Referent erklärte, wie ich eine Bewerbung auf die entsprechende Stelle abzufassen hätte. „Sie müssen als umfassend kompetent rüberkommen. Klappern gehört zum Handwerk.“ Und ein Kollege – inzwischen ist er selbst Dekan – erläuterte mir danach: Egal, ob du was kannst oder nicht – schreib einfach rein, dass du dich da auskennst. Danach war mir klar, dass ich diese Bewerbung nicht schreibe.

Ja – Klappern gehört zum Handwerk. Stolz auf Geleistetes auch. Das war zu allen Zeiten so und das ist zunächst auch nichts Falsches. Man soll ja seine Fähigkeiten und Leistungen auch nicht kleinreden. Man kann ja durchaus selbstbewusst sagen, was man kann.

Gefährlich wird es dann, wenn ich mir zu sehr meiner selbst bewusst bin. Wenn ich denke: Ich habe mein Leben im Griff! Ich weiß, wie es richtig geht! Ich bin besser als alle Dilettanten und Versager um mich herum. Dann ist der Absturz meist nicht weit. Weil ich nicht mehr mir bewusst bin: Was ich bin und habe verdanke ich zum geringsten Teil mir selber und meiner Leistung. Sondern vieles davon ist menschlich gesprochen Glück: Dass ich in Westeuropa und nicht in Nordafrika geboren bin. Dass meine Eltern einiges aufgebaut und mir damit optimale Startchancen boten. Ich einen entsprechenden Schulabschluss und ein Studium absolvieren konnte. Dass ich im Examen an die richtigen Prüfer geriet und damit so gut abschnitt, dass ich rasch in den Beruf kam. Dass ich bisher gesund geblieben bin. Dass es bei jeder Lebensstation Menschen gab, die mich unterstützten. Das hätte alles auch ganz anders laufen können. Dass meine Begabungen sich besser oder schlechter hätten entfalten können. Und auch diese Begabungen habe ich mir nicht verdient, sondern es sind – wie der Name sagt – Gaben.

Wer das vergisst, gerät rasch in die Krise, wenn die guten Rahmenbedingungen nicht mehr gegeben sind. Und plötzlich die Erfolge, auf die ich so stolz bin und die ich mir selbst zugeschrieben habe, ausbleiben. Ich habe schon manchen Kollegen erlebt, der dann hart auf dem Boden der Tatsachen landete.

So wie es im eben gehörten Bibelwort der Prophet Jeremia anspricht: wenn Leute ihre Weisheit, ihre Stärke und ihren Reichtum rühmen. Das tun sie ja nicht als Hochstapler. Jeremia sagt: Wer weise ist, rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich ist, rühme sich nicht seines Reichtums. Also: Die Menschen, die er kritisiert, sind durchaus weise, stark und reich. Das sind ja auch keine schlechten Eigenschaften – wer wollte schon dumm, schwach und arm sein? Aber damit selbstgewiss prahlen nach dem Motto aus jener alten Sparkassenwerbung: Mein Haus, mein Boot, mein Auto! Das verkennt die Tatsache, dass Weisheit, Stärke und Besitz nicht ausschließlich Ergebnisse meiner Tüchtigkeit sind. Dass es nichts ist, was ich ein für alle Mal als festen Besitz in der Hand habe. Sondern dass es Geschenke auf Zeit sind. Dinge, die mir immer wieder auch genommen werden können.

Seien wir ehrlich: Wir waren schon in Situationen, wo wir dachten, wir seien weise und hätten den Durchblick – dann aber wie vernagelt Fehler machten. Im Blackout etwas taten, was wir nachher bedauerten. Oder ich bin immer dann auf der Nase gelandet, wenn ich mich auf meine eigene Stärke verlassen habe und dachte: Das kriegst du hin. Denn dann wurde ich unvorsichtig und habe manches nicht mehr im Blick gehabt.

Deshalb sagt der Prophet: Wenn ihr euch schon rühmen wollt, dann rühmt euch, dass ihr Gott kennt. Dass ihr wisst: Gott schenkt Gnade, Recht und Gerechtigkeit auf der Erde.

Die drei Begriffe stehen für die Beziehung Gottes zu uns. Gnade: Gott wendet sich uns zu mit offenen Augen und offenen Ohren. Er ist für uns da. Recht und Gerechtigkeit bedeuten in der Sprache der Bibel: Gott steht treu und verlässlich zu uns.

Wer dies erkennt, hat Einsicht: Mein Leben beruht nicht auf meiner Weisheit, meiner Stärke, meinem Vermögen – sondern auf Gottes Beziehung zu mir. Mein Leben und meine Begabungen sind sein Geschenk.

Das bleibt auch bestehen, wenn ich nach menschlichen Maßstäben keinen Erfolg habe. Wenn ich nicht auftrumpfen kann mit meinem Haus, meinem Boot und meinem Auto. Wenn ich keine Glanzleistungen vorweisen kann. Wenn es in meinem Leben Scheitern und Misserfolge gibt. Wenn das wegbricht, was mir bisher Lebensinhalt war. Selbst dann gilt: Gottes Gnade, Gottes Recht und Gerechtigkeit bleiben. Gott steht zu mir.

Wenn ich mich von Gott getragen weiß, dann gewinne ich eine Gelassenheit gegenüber den Dingen, die ich in meinem Leben erlebe und mir erwerbe. Gegenüber meinen Erfolgen und meinen Misserfolgen, in dem, was gelingt und woran ich gescheitert bin, ob ich nach menschlichen Maßstäben als Gewinner oder Verlierer gelte.

Dann bin ich für das, was ich habe dankbar. Für Weisheit, Stärke und Reichtum. Ich brauche das nicht verschämt zu verstecken. Ich kann meine Gaben einsetzen für andere und für die Gemeinschaft. Ich kann deshalb durchaus selbstbewusst sein – aber zugleich auch bewusst: es gibt Grenzen meiner Weisheit und meiner Kraft. Auch Misserfolge sind keine Katastrophe, sondern Dinge, die zum Leben gehören. Anreize zum Umdenken und Lernen.

Ich bin mir bewusst: Gott trägt mich. Ich habe gelernt, das Wort „Stolz“ durch das Wort „Dankbarkeit“ zu ersetzen. Dankbar für das, was Gott mir schenkt. Wenn es dann äußerlich betrachtet, Erfolge gibt – der Dank an Gott, der es ermöglicht hat. De Dank an die Menschen, die mit für den Erfolg sich eingesetzt haben. Und wenn Erfolge ausbleiben: die Zuversicht, dass Gott trotzdem aus meinem Leben etwas Sinnvolles machen will. Er wird sich schon etwas gedacht haben, dass er mich an diesem Ort zu dieser Zeit mit diesen Stärken und Schwächen hat zur Welt kommen lassen.

Dann kann ich andere Karten auf den Tisch legen als wir früher beim Quartett-Spielen mit Autos, Flugzeugen oder Schiffen. Ich kann alles auf die Karte Gottes setzen, der mich trägt mit Gnade, Recht und Gerechtigkeit. Dass er der Herr ist, der für mich da ist. Amen.