27. Mai 2018 - Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Epheser 1,3-14

Liebe Gemeinde!

In meiner Zeit als Ulmer Jugendpfarrer hatte ich ein schönes Büro in einem schönen Gebäude – der Architekt wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Ein alter Innenhof zwischen zwei Altbauten wurde mit einem großen Glasdach überspannt. Ein toller Innenbereich entstand. Es gab nur ein Problem für unsere Büros: Sie waren in den oberen Stockwerken der Altbauten. Und im Sommer heizte die Sonne die Luft von Glas überdachten Innenhof auf, warme Luft steigt auf, so dass es von Stockwerk zu Stockwerk immer heißer wurde – am heißesten in meinem Büro direkt unter dem Glasdach. Da hielt man es an heißen Tagen fast nicht aus. Wie gesagt: Der Architekt hatte ein tolles Gebäude konstruiert und dafür viele Preise erhalten. Aber diese Tücke des Objekts hatte er offensichtlich nicht auf dem Schirm. An solchen heißen Tagen sagte ich oft: Eigentlich sollte jeder Architekt, in den Häusern, die er geplant hat, vor dem Bezug ein Jahr lang wohnen und arbeiten. Dann hätte er bald mehr Sensibilität für solche praktischen Tücken des Objekts.

Das gilt aber nicht nur für Architekten. Auch sonst werden oft Entscheidungen getroffen von Menschen, die von den Folgen ihrer Entscheidung nicht betroffen sind – für Menschen, in deren Lebenswirklichkeit sich die Entscheider oft nur schwer einfühlen können. Das stand ja vor wenigen Wochen hinter der Petition an den Bundesgesundheitsminister, einmal eine Woche lang von Hartz IV zu leben. Wobei er wohl nie in der realen Situation eines Hartz-IV-Empfängers gewesen wäre, wenn er sich darauf eingelassen hätte – es wäre mehr eine Show gewesen.

Dennoch: Wer entscheidet, ohne selbst die Folgen tragen zu müssen, läuft eher Gefahr, Entscheidungen zu treffen, die vorher nicht bedachte Folgen haben. Deshalb mein – vermutlich nicht realisierbarer – Gedanke: Jeden Architekten ein Jahr in dem Gebäude leben lassen, das er geplant hat.

Genau das aber hat Gott, der Schöpfer der Welt getan. Nicht die Welt erschaffen und sich dann aus der Welt zurückgezogen und sie sich selber überlassen – gerade auch mit ihren Schattenseiten. Sondern Gott hat sich in diese Welt hineinbegeben. Als er Mensch wurde in Christus. Hat die dunklen Seiten dieser Welt ausgehalten, erlitten. Das ist die Botschaft des heutigen letzten großen Festes im Kirchenjahr – des Dreieinigkeitsfestes. Gott, blieb nicht allein der Vater, der Schöpfer, der von außerhalb die von ihm geschaffene Welt betrachtet wie ein Architekt das von ihm geplante Haus. Sondern, der selber Mensch wurde in seinem Sohn Jesus Christus.

Davon handelt der vorher gehörte lange Satz aus dem Epheser-Brief. Er spricht zu Beginn vom Handeln des Vaters als Schöpfer. Er tut es mit einem Stichwort, das immer wieder vorkommt: Segen. Segen bedeutet: Gott wendet der Welt und jedem Leben seine Schöpferkraft zu. So können wir es von den ersten Seiten der Bibel an lesen. Von Anfang an hat er uns als sein Eigentum erwählt – als seine geliebten Kinder.

Doch diese von Gott als Architekten der Welt gut geplante Schöpfung hat ihre Schattenseite. Das hängt mit der Freiheit zusammen, die Gott uns Menschen gibt. Im Bild vom Haus gesprochen: Wir haben als Bewohner die Freiheit, das uns vom Architekten konstruierte Haus, auch herunterzuwohnen. Durch den Wunsch des Menschen, selbst Herr im Haus sein zu wollen kam es zu Tod und Leid.

Da hat sich Gott selbst entschlossen, in dieses vom Menschen heruntergewohnte Haus einzuziehen. In Jesus Christus, der selbst Mensch wurde, aber Gott blieb. Nicht nur wie ein Architekt, der bei Baumängeln lediglich einen Beauftragten schickt. Sondern Gott selbst zieht ein.

Das ist theologisch die Wurzel der Lehre vom dreieinigen Gott: Der eine Gott steht als Schöpfer dieser Welt gegenüber und kommt zugleich als Retter in diese Welt. Der eine Gott bleibt derselbe und kann zugleich von außen retten. Das wird in der Denkfigur vom einen Gott in zunächst zwei Personen ausgedrückt.

Diese Rettungstat in Christus beschreibt der Satz im Epheserbrief so: In Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut. Im Blut steckt für die Bibel das Leben. Christus hat sich also mit seinem ganzen Leben hineingegeben in das Leid dieser Welt bis zum einsamen Verbrechertod am Kreuz.

Aber was würde das helfen? Im Bild vom Anfang: Was hilft ein Architekt, der dann unter den Bedingungen eines heruntergewohnten Hauses lebt? Dadurch ändert sich doch nichts! Doch Gott, der Vater, hat seinen gekreuzigten Sohn auferweckt und dadurch Hoffnung gestiftet. Hoffnung auf ein neues Leben über den Tod hinaus. Hoffnung auf die umfassende Renovierung, ja den Neubau dieses vom Menschen heruntergewohnten Hauses. Dieser zukünftige Neubau wird hier bezeichnet als die Fülle der Zeit, in der alles zusammengefasst wird in Christus.

Das kann nur gelingen, wenn Vater und Sohn gemeinsam als Gott agieren und zugleich als Personen unterscheidbar sind. Weil sich ja niemand selbst retten kann.

Doch was bedeutet das für uns Menschen, die wir auch nach der Auferweckung des Sohnes durch den Vater an Ostern immer noch in dem heruntergewohnten Haus leben müssen? Da kommt die dritte Person der Dreieinigkeit ins Spiel: Der Geist Gottes. Er lässt uns das Wort der Wahrheit, die gute Nachricht vom Segen Gottes und der Auferstehung Jesu hören und ihr vertrauen. Das haben wir letzte Woche an Pfingsten gefeiert. Und der Geist Gottes ist es, der unseren Glauben stärkt und erhält trotz allem Leid und aller Zweifel.

Der Epheser-Brief drückt das mit dem Bild der Versiegelung aus. Als wir in unserem Haus in Ulm jetzt einen Mieterwechsel hatten, haben wir gemerkt, dass wir und unsere Mieter, die nach uns eingezogen sind, in zehn Jahren den Parkett zum Teil ziemlich heruntergewohnt haben. Also musste er neu abgeschliffen und versiegelt werden. Widerstandsfähig gemacht gegen weitere Schäden. So versiegelt Gottes Geist unseren Glauben, dass der Zweifel und das Leid ihn nicht so schnell ankratzen und zerstören können.

Und der Geist ist das Unterpfand des künftigen Neubaus, den Gott für unser heruntergewohntes Haus seiner Welt versprochen hat. Unterpfand bedeutet Anzahlung. Indem der Geist Gottes Glauben weckt und erhält, hält er unsere Hoffnung wach auf die endgültige Vollendung. Wie eine Anzahlung uns bestätigt: der Geschäftspartner meint es ernst mit dem Willen, die volle Summe zu bezahlen.

So rettet Gott diese vom Menschen heruntergewohnte Welt: durch den Segen des Vaters als Schöpfer, durch die Rettungstat des Sohnes Jesus Christus, durch die Kraft des Geistes, der Glauben und Hoffnung auf diese Rettung weckt.

Wir brauchen also nicht selbst unsere Welt zu retten – wie es vor einigen Jahren Tim Bendzko ironisch in einem Song ausdrückte: Nur noch kurz die Welt retten. Denn sonst würden wir uns entweder überschätzen oder überfordern oder beides. Diejenigen, die sich in der Geschichte am stärksten als Retter aufspielten, hatten am meisten kaputt gemacht.

Umgekehrt: Wir sollen auch nicht passiv uns mit allem Leid abfinden. Der Segen des Vaters, das Vorbild des Sohnes und die Kraft des Geistes ermutigen uns, das im heruntergewohnten Haus der Schöpfung zu reparieren, was wir können. Dort Menschen zu helfen, wo es möglich ist – ohne Selbstüberschätzung und ohne Selbstüberforderung. Und so zum Lob der Herrlichkeit des dreieinigen Gottes leben. Amen.