26. August 2018 - 13. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu 1.Mose 4,1-16a

Liebe Gemeinde!

Unsere Welt ist nahe zusammengerückt und doch zerrissen. Gerade weil sie so nahe zusammenrückt, zerreißt sie zugleich. Wir sind nur wenige Flugstunden von jedem beliebigen Punkt auf der Weltkugel entfernt. Durch das Internet können wir am Geschehen überall teilnehmen, egal, wo wir uns befinden, egal, was wo geschieht. Wir benutzen Produkte und Lebensmittel von überall her. Wir exportieren Güter und Dienstleistungen in alle Welt. Wir profitieren davon, dass die Welt so nahe zusammengerückt ist.

Doch das hat seine Kehrseite: Diese so nahe zusammengerückte Welt, lässt uns auch die Probleme und Krisen aus der ganzen Welt auf die Pelle rücken. Ob es Umweltprobleme und Klimaveränderungen sind, die zu uns durchdringen, oder Kriege und elende Lebensbedingungen, die Menschen in die Flucht treiben. Menschen, die nach Europa drängen. Das verunsichert viele. Deshalb gibt es in der ganzen Welt Abschottungstendenzen. Mauern sollen gebaut werden zwischen USA und Mexiko. Flüchtlingsschiffe nicht mehr an den europäischen Küsten landen dürfen. Zurückweisungen an den Grenzen verschärft. Man hofft, einen Bereich schaffen zu können, in dem das Leben geschützt ist vor den Herausforderungen der Globalisierung.

Aber das geht aus verschiedenen Gründen nicht: Wer sich erfolgreich abgrenzt, verliert auch die Vorteile einer enger zusammenrückenden Welt. Wenn Menschen, Waren und Dienstleistungen nicht mehr ungehindert Grenzen passieren können, exportieren wir nicht mehr so viel – am Ende geht es uns schlechter. Und Fluchtbewegungen aufhalten kann man sowieso nicht. Wenn Menschen verzweifelt sind, werden sie jede Hürde überwinden. Wer Flüchtlingsströme und Migration eindämmen will, der müsste die Kriege im Nahen Osten und in Afrika beenden, der müsste dort gerechte Lebenschancen verwirklichen. Und davon hört man von den Populisten nichts.

So wird unsere Welt gerade immer weiter zerrissen und damit zugleich inhumaner. Man nimmt es in Kauf, dass Menschen in primitiven Lagern zusammengepfercht werden. Man lässt es zu, dass täglich auf dem Mittelmeer Männer, Frauen und Kinder ertrinken. Man kriminalisiert die Seenotretter und verhindert, dass sie sichere Häfen anlaufen können. Die Risse in unserer Welt werden vertieft und ihre Probleme nicht gelöst.

Eine nahe zusammengerückte und doch zerrissene Welt – das erleben wir nicht nur in unserer globalisierten Weltordnung. Davon lesen wir bereits in den ersten Kapiteln der Bibel. Wo die Geschichte der Menschheit als Familiengeschichte dargestellt wird.

Da freuen sich die Ur-Eltern Adam und Eva über ihre beiden Söhne: Kain – ein Geschenk Gottes. Und Abel ebenso. Da wird das Leben vielfältiger: Die beiden Brüder teilen sich die Arbeit – Kain als Ackerbauer, Abel als Viehzüchter. Doch schon bald zeigten sich die Risse.

Der erste Riss zeigte sich beim Opfer. Wir lesen: Kain und Abel brachten Gott Opfer. Gott sah Abels Opfer an, das von Kain aber nicht. Dieser lapidare Satz in der Bibel hat viele Spekulationen ausgelöst nach dem Warum von Gottes Handeln. Was hatte Kain verbrochen oder was hat Abel besser gemacht als sein Bruder? Und wie zeigte sich das „Ansehen“? In vielen Kinderbibeln sieht man den Rauch vom Opfer Abels in den Himmel aufsteigen, während der von Kain nur den Boden einnebelt. Aber von alledem steht nichts im Text.

Wir müssen uns der Frage anders nähern: Warum bringen die Menschen von den Produkten ihrer Arbeit Opfer? Um der Gottheit Dank zu sagen für das Erreichte und sie zugleich zu bitten, auch in Zukunft die Arbeit zu segnen. Das bedeutet: Wenn Kain es so empfand, dass Gott Abels Opfer ansah und seines ignorierte, dann hatte er den Eindruck: Die Arbeit von Abel war erfolgreicher als die seine. Das weckte seinen Neid.

Ob Gott das auch so sah? Zumindest fragt Gott Kain nach dem Grund seiner Enttäuschung. Das lässt vermuten, dass es nicht Gott war, der die Arbeit und das Opfer von Kain und Abel unterschiedlich ansah. Sondern dass Kain das so im Vergleich mit Abel so empfand. „Alle Not kommt vom Vergleichen“ soll der französische Philosoph Blaise Pascal gesagt haben.

Bis heute sind viele Risse in unserer Welt darauf zurückzuführen: Wir Menschen vergleichen uns ständig mit anderen – und sehen dabei meist vor allem das, was der andere hat und mir fehlt. Dadurch kommen Neid und Gier in unsere Welt.

Ich kenne das von mir vor allem aus dem Berufsleben – ich staune oft, was andere Kollegen können und machen: ihre musikalischen Talente, in der Kommunikation für jeden das richtige Wort, zum passenden Zeitpunkt den passenden Witz auf den Lippen, kommen irgendwie besser rüber. Da komme ich mir dann immer irgendwie deplatziert vor: Was kannst du überhaupt? So frage ich da manchmal.

Und auch in unsrer Asyldebatte kochen viele Emotionen deshalb hoch, weil manche sich zurückgesetzt fühlen. „Ich bekomme Hartz IV, aber die Flüchtlinge bekommen alles!“

Da spricht Gott den Kain an. Versucht ihm klar zu machen, welches Gift der Neid in sein Herz und in sein Denken sät. Dadurch lagert die Sünde vor der Tür des Herzens und des Denkens. Das soll Kain abwehren.

Wir wehren das Gift des Neides ab, wenn wir beim Vergleich mit anderen auch die andere Seite sehen: Die Nöte des anderen. Und: was wir alles können und haben. Dieser Blickwechsel ist für uns wichtig.

Dieser Blickwechsel ist genauso für unsere zerrissene Welt wichtig: wenn wir sehen, wie gut und sicher wir bei uns in Deutschland leben, dann haben wir einen anderen Blick für die Nöte der Menschen, die geflüchtet sind. Dann lassen wir uns von den Abgrenzern keine Angst machen. Denn diese Abgrenzer wollen mit ihren Mauern, Zäunen, Abschiebungen die Probleme einer zerrissenen Welt dadurch lösen, dass sie sie weiter zerreißen. Doch damit werden die Probleme eher verschärft. Stattdessen schauen, was wir haben und wie wir anderen damit helfen können.

Doch Kain nimmt diesen Blickwechsel nicht vor, sondern lockt Abel aufs Feld und tötet ihn. Die so nahe Welt einer Familie ist endgültig zerrissen. Wer das Gift des Neides nicht bekämpft, kann bereit sein, über Leichen zu gehen.

Auch das erleben wir in unserer so nahe zusammengerückten und doch so zerrissenen Welt. Wenn man in Kauf nimmt, dass Menschen Schleusern überlassen werden und auf dem Meer ertrinken. Wenn Häfen für Notleidende dicht gemacht werden. Dann scheinen wir zwar eine Zeit gut weiterleben zu können – aber die Stimme der Getöteten schreit zu Gott. Aus dem Meer und den Schlachtfeldern dieser Erde wie hier das Blut Abels vom Acker. Und Gott überhört das nicht. Er ist der Hüter unseres Bruders und unserer Schwester – selbst wenn wir wie Kain das für uns ablehnen.

Wer so seinen Neid auslebt und seine Angst um seinen Besitz, der wird am Ende scheitern. Die Arbeit trägt keine Früchte, man wird selber heimatlos. Das eine erleben die Mauerbauer und Zollschrankenerrichter in den USA sehr stark – plötzlich kann man Rohstoffe und Material nicht mehr günstig importieren und die Produkte nicht mehr gut verkaufen. Wer sich abgrenzt, dem geht es schlechter.

Das andere: Wer auch bei uns im Land dafür sorgt, dass Sprache verroht, dass Menschen abgewertet werden, dass der Rechtsstaat ausgehöhlt wird – der muss sich nicht wundern, wenn er selbst irgendwann zum Opfer wird und keiner ihm beisteht.

Als Kain das erkennt, merkt er: Ich bin verloren. Doch Gott wendet sich dem Kain zu. Begleitet und schützt ihn, lässt ihn neu anfangen. Ein Zeichen soll diesen Neustart markieren.

Wir wissen nicht, was bei Kain dieses Zeichen Gottes war für diese Zuwendung zur nahe zusammengerückten und doch zerrissenen Welt. Für uns Christen ist dieses Zeichen Gottes das Kreuz. Zeichen des Gottes, der sich ganz in die Risse dieser Welt hineinbegeben hat. Und Hoffnung auf eine Welt gestiftet hat, in der alle Risse überwunden sein werden.

Mit diesem Zeichen Gottes, das uns Perspektive über unser Leben hinaus gibt, leben wir in dieser Welt – die sich so nahe gekommen und doch so zerrissen ist. Mit dem Blickwinkel auf das, was Gott uns schenkt. Mit der Hoffnung auf den Gott, der diese Welt in seiner Hand hält. Dann nicht ängstlich abgrenzen müssen, sondern mutig aufeinander zu gehen können. Risse überwinden so gut es geht. Damit weniger Teil des Problems, sondern Teil seiner Lösung sein. Amen.