24. Dezember 2017 - Christmette


Predigt zu Jesaja 7,10-14

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Liebe Gemeinde!

Wir Menschen sehnen uns nach Gewissheit. Gewissheit: Ich bin geliebt. Gewissheit: Ich bin nicht allein. Gewissheit: Ich werde auch in Schwierigkeiten getragen.

Wir erwarten diese Gewissheit von Menschen: Das verbinden ja so viele mit diesem Weihnachtsfest. Dass wir an diesem Abend wenigstens ein Fest der Liebe feiern. Mit Menschen zusammen sind, die uns wichtig sind. Uns gegenseitig unsere Zuwendung und Gemeinschaft versichern: mit bewusst ausgewählten Geschenken, liebevoller Deko, sorgfältig zubereitetem Essen.

Schön, wenn wir das heute so erlebt haben. Aber umgekehrt sind wir an Weihnachten auch deshalb so verletzlich, weil das eben nicht selbstverständlich ist. Da ist jemand vielleicht alleine, weil der Partner heute arbeiten muss, weil ein Familienmitglied Weihnachten in der Klinik verbringen muss, weil die erwachsenen Kinder inzwischen mit ihrer Familie weit weg Weihnachten feiern, weil gar eine schmerzhafte Trennung hinter jemand liegt oder ein lieber Mensch nicht mehr lebt, der bisher immer mitgefeiert hat. Was wir im Alltag vielleicht verdrängen können, dem lässt sich an einem Heiligen Abend so schwer ausweichen. Gewissheiten sind leicht zu erschüttern.

Umso mehr suchen wir diese Vergewisserung bei Gott. Das, was wir vom Menschen nicht erwarten können, soll Gott uns garantieren. Wir, die sonst meinen: wir können unser Leben ganz gut ohne fremde Hilfe organisieren – wir erlauben uns einmal im Jahr, zumindest zu Weihnachten, religiös zu sein. Gestehen uns ein, dass wir aus eigener Kraft das nicht sichern können. Nicht die Gewissheit garantieren: Ich bin geliebt. Ich bin nicht allein, Ich werde auch in Schwierigkeiten getragen.

Diese Vergewisserung bei Gott – wie aber finden wir sie? Ist es nur eine Stimmung von Kerzenschein und Weihnachtsliedern geweckt? Die aber spätestens im Licht des Alltages nach den Festtagen wieder verschwindet? Und wir wieder scheinbar realistisch sagen: Ich würde ja schon gerne an Gott glauben, aber es gibt doch keinen Beweis dafür!

Da sind wir ganz nahe beim König Ahas in Jerusalem, von dem wir gerade gehört haben. Da ist Jerusalem und das Land Juda um Jerusalem bedroht. Eingekeilt zwischen den Weltmächten Ägypten und Assyrien, dabei unmittelbar angegriffen von den Nachbarländern Aram und dem Nordreich Israel. Haben sie militärisch überhaupt eine Chance? Bang inspiziert der König die Stadtbefestigung. Kann ihre Kraft reichen?

Diese bangen Fragen, die jeder aus seinem Bereich kennt: Wenn man die Kosten überschlägt, die für eine Reparatur aufgewendet werden muss, und man fragt: Reicht das Ersparte? Wenn der Schüler überlegt, was in der Klassenarbeit abgefragt wird und was er alles nicht weiß. Wenn man die Termine des nächsten Tages durchgeht und fragt: Wie kriege ich das alles in den 24 Stunden unter? Diese Frage angesichts unserer begrenzen Kräfte, unseres beschränkten Vermögens, unserer knappen Zeit: Reicht das?

Doch da spricht der Prophet Jesaja den bangenden König an. Gott ist bereit, seine Zusage mit einem Zeichen zu bestätigen. Doch Ahas weist dies zurück mit auf den ersten Blick frommen Worten: er will Gott nicht versuchen. Was fromm daherkommt, ist aber alles andere als ein Ausdruck des Vertrauens auf Gott. Das wäre es, wen Aha sagen würde: Ich vertraue Gott und brauche kein Zeichen. Aber Ahas vertraut Gott nicht – weder mit noch ohne Zeichen. Sondern versucht selber, Sicherheit und Geborgenheit zu schaffen. Und tatsächlich sind alle Zeichen und Hinweise, die unseren Glauben an Gott bestätigen sollen, letztlich immer uneindeutig.

Darum kündigt Jesaja dem König ein ganz anderes Zeichen an: Die Geburt eines Kindes. Eine junge Frau soll schwanger werden.

Das klingt zunächst merkwürdig. Gott will ein Kind in dieser politisch-diplomatisch-militärisch aufgeheizten Lage zur Welt kommen lassen? Kinder sind in Kriegen doch am stärksten die Leidtragenden. Doch dieses Kind soll den Namen „Immanuel“ tragen – das heißt „Gott ist mit uns“. Gott will in dieser Welt der Gewalt und des Krieges den Menschen nahe sein in der Gestalt eines Kindes.

Welche Frau und welches Kind der Prophet damals im Blick hatte – darüber streiten sich die Experten der Geschichte Israels. In jedem Fall hat sich die Hoffnung auf die Geburt dieses Immanuel gehalten – über diesen militärischen Konflikt hinaus, der mit der Herrschaft der Assyrer endete. Sie hat sich lebendig erhalten, als die Babylonier Jerusalem eroberten. Und als die Perser die Israeliten aus Babylon wieder heimführten. Auf dieses Kind hat Israel gehofft als sie von Griechen und Römern besetzt waren. Auch dann als Maria in der ersten Weihnachtsnacht in Bethlehem ihr Kind zur Welt brachte. In diesem Jesus erkannten die ersten Christen den, von dem Jesaja hier sprach. Dort in der Krippe in Bethlehem kommt das Kind zur Welt, in dem Gott den Menschen nahe ist – der Immanuel.

Ein Kind ist Gottes Zeichen seiner Nähe in einer Welt, die sich nach Gewissheit sehnt und Unsicherheit schafft, die Liebe will und in Streit gerät, die Frieden sucht und Kriegsgründe findet. Und tatsächlich konnte Gewalt und Bosheit das Leben dieses Kindes nicht auslöschen. Selbst der Tod am Ende seines Weges hatte über ihn nicht das letzte Wort. Gott hat sich zu ihm bekannt: Mit ihm war Gott sogar in der Nacht des Todes und hat ihn auferweckt zum neuen Leben. In diesem Kind zeigt Gott: Immanuel – Mit uns ist Gott.

Natürlich ist ein Kind ein Zeichen, an dem man vorbeigehen kann. Kein Signal der Stärke, das die Feinde abwehrt, wie es Ahas mit seiner Stadtmauer, seinen Truppen und seinen diplomatischen Winkelzügen tun wollte. Aber ein Zeichen des Friedens und der Liebe. Gott zwingt dieser Welt nicht seine Ordnung auf, sondern kommt in Gestalt eines Kindes: Bitte statt Befehl, Liebe statt Hass, Nähe statt Dominanz.

Dadurch kann die Welt an diesem Kind, dem Immanuel, an Jesus von Nazareth vorbeigehen. Aber sie tut es zu ihrem Schaden. Wie Ahas, der damals auf die Assyrer als Verbündete setzte und damit seine Freiheit verlor. Dass in einer Welt, wo jeder der Größte sein will und sich durchsetzen möchte, am Ende jeder verliert, das zeigt der Blick in die Nachrichten.

Veränderung kann es nur geben, wenn wir diesem Kind vertrauen. Darauf vertrauen, dass Gott in ganz kleinen Zeichen bei uns ist. Und wenn wir dem nicht vertrauen, einfach mal für uns das Experiment wagen: So leben, als ob uns Gott nahe wäre, als ob Gott mit uns ist. Liebe schenken, zuhören, uns in andere hineindenken bevor wir urteilen. Unsere Welt kann dadurch nur besser werden.

Das ist das Zeichen Gottes, das uns gewiss macht: Du bist geliebt. Du bist nicht allein. Du wirst in Schwierigkeiten getragen. Die Geburt des Kindes, in dem Gott nahe ist. Wenn wir diesem Zeichen folgen – andere lieben, anderen zur Seite stehen, andere in Schwierigkeiten begleiten. Dann wird es Weihnachten bei uns – auch im Alltag. Dann ist der Immanuel da – Gott ist mit uns. Amen.