22. Oktober 2017 - 19. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Markus 1,32-29

Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.

Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Liebe Gemeinde!

Letztes Jahr brachte Tim Bendzko einen Songtext heraus: Ich bin doch keine Maschine, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.

„Einfach so weitermachen ist keine Option

Ich muss hier ausbrechen - wenn du das hier liest, bin ich schon auf und davon

Ich will mein Leben selbst gestalten, muss es wenigstens probieren

Ich brauche die Kontrolle zurück, kann nicht mehr nur funktionieren

Ich bin doch keine Maschine!

Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut

Und ich will leben, bis zum letzten Atemzug

Ich bin ein Mensch mit all meinen Fehlern

Meiner Wut und der Euphorie

Bin keine Maschine,

ich leb' von Luft und Fantasie.“

Manchmal muss man das sagen- sich und anderen. „Ich bin ein Mensch mit all seinen Fehlern!“ Denn wir erwarten von uns und manchmal auch von anderen oft Perfektion. Fehler werden oft gnadenlos beurteilt. Grenzen versucht man zu ignorieren bis zur totalen Erschöpfung.

Eine Erwartungshaltung, mit der hier auch Jesus konfrontiert wird. Menschen, die kommen, weil sie Hilfe erwarten für sich und die anderen, Heilung für die Kranken, Freiheit für die Besessenen.

Jesus erfüllt die Erwartungen nur zum Teil. Dann zieht er sich zurück zum Gebet. Und wendet sich anderen zu.

Wer erfolgreich sein will, der muss den Mut haben, Nein zu sagen, Prioritäten zu setzen und sich immer wieder zurückziehen, Kontakt finden zu seinen inneren Kraftquellen. Oder nochmals mit Tim Bendzko: Einfach so weitermachen ist keine Option. Ich muss hier ausbrechen. Ich leb von Luft und Phantasie.

So weit kann das jeder Mensch nachvollziehen. Deshalb sprach mich das Lied von Tim Bendzko sofort an als ich es das erste Mal im Radio hörte. So lernt man das bei jedem Zeitmanagement-Seminar: wer nur funktioniert und versucht, die Erwartungen der anderen zu erfüllen, der verliert die Kontrolle über sein Leben. Aber bei Jesus geht es um mehr - es geht um den Kontakt mit Gott. Jesus bringt die Kranken und Besessenen in Kontakt mit Gott und bleibt selbst in Kontakt mit Gott durch das Gebet.

Selbst wenn wir nicht Jesus sind, ist dieser Kontakt mit Gott auch für uns wichtig. Diese Kontaktaufnahme ist ein Dreischritt:

1. Hingehen zum Mitmenschen

2. Hingehen zu Gott

3. Weitergehen

Erster Schritt: Jesus geht zum Mitmenschen hin. Wir haben gelesen: Kranke wurden zu Jesus gebracht. Er lässt sich auf sie ein. Heilt sie. Er befreit die Besessenen. Damit wurden zur Zeit Jesu die Menschen beschrieben, die eben die Kontrolle über sich verloren haben. Die nicht mehr Herr ihrer selbst waren. Jesus kann aber Heilung und Befreiung nur bringen, weil er von Gott dazu bevollmächtigt war. Weil Gott ihm die Kraft gab.

Was von Jesus als Sohn Gottes gilt, gilt für uns alle: Wir können nur mit der Kraft anderen helfen, die uns zuvor von Gott gegeben wurde. Weil wir eben keine Maschine sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die anderen als Menschen begegnen können.

Wer sich und seine Kräfte überschätzt, wird rasch ausgepowert.

Umgekehrt: Wenn ich mich auf andere Menschen einlasse, soll ich in diesem Augenblick auch ganz für sie da sein. Mich irritiert, wenn Menschen miteinander im Gespräch sind und das Smartphone auf dem Tisch liegt. Bei jedem Klingelton, Pfeifsignal oder Brummen dieses Gerätes wird sofort draufgeschaut, über das Display gewischt oder der Home-Button gedrückt. Ich frage mich dann immer: Warum sind uns diejenigen, die uns digital Nachrichten schicken wichtiger als die, mit denen wir im Raum sitzen? Multi-Tasking kann niemand – auch Frauen nicht. Und Jesus, der es vielleicht könnte, tut es auch nicht. Jesus wendet sich ganz den anderen Menschen zu. Und zieht dann auch bewusst seine Grenze und geht den nächsten Schritt.

Zweiter Schritt: Hingehen zu Gott. Tim Bendzko singt: „Einfach so weitermachen ist keine Option. Ich muss hier ausbrechen. Bin keine Maschine. Ich leb von Luft und Phantasie.“ Was bei Tim Bendzko der Ausbruch zu einer Auszeit ist, ist bei Jesus mehr: Er zieht sich zurück. Betet. Kommt zu Gott. Tankt auf. Holt sich bei Gott die Kraft. Wenn ich nicht erschöpft sein will, brauche ich diese Zeiten.

Mit dem Hingehen zu Gott mache ich mir deutlich: Ich brauche Kraft von außen. Ich bin keine Maschine. Ich bin auch nicht allmächtig. Ich kann und brauche nicht ständig zu funktionieren. Wenn es selbst der Sohn Gottes so macht, warum sollte ich es anders machen?

Denn wenn ich ausbreche aus dem alltäglichen Hamsterrad, dann bekomme ich wieder Luft und Phantasie - neue Ideen und Impulse. Das gilt nicht nur vom Urlaub oder freien Zeiten. Manchmal genügt es auch im Alltag, früher aufzustehen wie es Jesus hier tut. Mir ist es lieber, auf eine halbe Stunde Schlaf zu verzichten, als den Tag immer auf den letzten Drücker gehetzt anzugehen. Oder wirklich für mich allein in einer Pause hinauszugehen. Den Kontakt zu Gott suchen, um danach wieder mit anderen in Kontakt zu kommen. Das ist dann der nächste Schritt.

Dritter Schritt: Weitergehen. Die Jünger finden Jesus, der sich zurückgezogen hatte. Wollen ihn wieder zurückholen, weil so viele Menschen ihn suchen. Doch Jesus will weitergehen in die anderen Dörfer. Auch sie sollen mit der Botschaft von Gott in Kontakt kommen. Gottes Kraft erfahren. Jesus schlägt neue Wege ein.

Ich denke, die Gemeinde Jesu steht bis heute in der Gefahr, zu sehr sich im Vertrauten einzurichten. Dinge zu machen, die man immer schon so gemacht hat. Menschen anzusprechen, die man bereits kennt. Denn im Vertrauten fühle ich mich sicher. Letztlich aber geht es darum, immer wieder neue Menschen anzusprechen. Deshalb auch vertraute Formen, Gewohnheiten, Abläufe zu hinterfragen. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie vielleicht verhindern, dass wir neue Menschen ansprechen. Also bewusst die Unsicherheit aushalten, die neue Formen, neue Gedanken, neue Menschen mit sich bringen.

Bei Jesus ist dieser Dreischritt Teil seines Weges von Gott zu den Menschen. Dass Gott in Kontakt zu den Menschen kommt. Und die Menschen in Kontakt mit Gott kommen. Dieser Weg, auf dem er sich ganz auf die Menschen und ganz auf Gott einlässt.

Wenn wir diesen Weg Jesu mitgehen. Nicht wie eine Maschine bloß funktionieren oder eine Pflicht erfüllen. Sondern uns wirklich auf Begegnungen einlassen. Die Begegnung mit den Menschen, die unseren Lebensweg kreuzen. Nichts wäre für uns als Kirche fataler als wenn wir nach außen den Eindruck vermitteln: Wir sind so mit uns beschäftigt, dass wir keine Zeit für die Mitmenschen haben. Deshalb sage ich immer: Dass wir im Mitteilungsblatt Kontaktzeiten angeben, heißt nur: Da kann man sich relativ sicher sein, jemand anzutreffen. Und nicht: Außerhalb dieser Zeiten soll man uns in Ruhe lassen. Wenn ich mich zurückziehen will und muss, finde ich Wege – und wenn es der Anrufbeantworter ist. Denn zurückziehen zu Gott und auftanken ist genauso wichtig. Und uns auf neue Menschen wieder einlassen. Dann leben wir von Luft und Phantasie. Nämlich aus Gottes Kraft. Amen.