21. Mai 2018 - Pfingstmontag


Predigt am Pfingstmontag (21. Mai 2018)

2.Timotheus 1,6-14

Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist.

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft:

Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde;

jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium,

als dessen Verkünder, Apostel und Lehrer ich eingesetzt bin.

Darum muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren.

Halte dich an die gesunde Lehre, die du von mir gehört hast; nimm sie dir zum Vorbild und bleibe beim Glauben und bei der Liebe, die uns in Christus Jesus geschenkt ist.

Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt.

Liebe Gemeinde!

Haben Sie schon einmal Pudding an die Wand genagelt? Vermutlich nicht, denn das würde in der Regel nicht funktionieren. Die Puddingmasse würde am Nagel vorbeifließen – egal wie fest ich ihn auch in die Wand hämmere.

Pudding an die Wand nageln – das ist deshalb auch zu einem geflügelten Wort geworden, wenn etwas nicht greifbar, nicht zu erfassen ist. Wenn eine Situation unübersichtlich und verwirrend mir entgegenkommt. Wenn ich mich bemühe, Ordnung und Struktur in etwas zu bringen, aber ständig fließt alles an meinen sorgfältig eingeschlagenen Nägeln vorbei. Dann ist das so wie der Versuch, Pudding an die Wand zu nageln.

Dieses Gefühl hat man oft, wenn man mit Menschen zu tun hat – vor allem wenn sie in Gruppen auftreten. Keiner legt sich fest, Absprachen werden über WhatsApp wieder über den Haufen geworfen, Gerüchte kochen hoch – und am Ende sind es doch wieder dieselben, die die Arbeit machen. Gruppen von Menschen zu organisieren, das ist wirklich oft wie Pudding an die Wand zu nageln. Das weiß jeder, der Verantwortung trägt: für eine Familie, eine Schulklasse, einen Chor, ein Sportteam, eine Jugendgruppe, einen Verein oder auch eine Kirchengemeinde.

In der Kirchengemeinde steigert sich dieses Gefühl oft noch dadurch, dass unser Glaube uns ja häufig wie dieser besagte Pudding vorkommt. Vieles im Fluss, von Zweifeln verflüssigt bis zur Unkenntlichkeit, das Leiden an der Unsichtbarkeit Gottes. Versuche, Glauben oder gar Gott festzunageln, sind zum Scheitern verurteilt.

Eigentlich ist das auch gut so, dass wir Menschen nicht nach Belieben steuern können, gewissermaßen festnageln. Denn das wäre Manipulation oder Diktatur. Und dass wir Gott und damit unseren Glauben nicht festnageln können: Gott sei Dank! Sonst wäre es kein lebendiger Gott und kein lebendiger Glaube mehr. Sondern ein statischer toter Glaube an einen Götzen, den wir uns selbst zurechtgenagelt hätten.

Und dennoch muss es mehr geben, dass wir unseren Glauben leben können. Als Einzelne und als Gemeinschaft. Dass Liebe und Hoffnung in unserer Welt gestärkt werden. Es muss mehr geben als nur das Gefühl: Alles ist im Fluss. Alles fließt wie Pudding am Nagel vorbei die Wand herunter. Glauben, Hoffen, Lieben verflüssigen sich bis zur Unkenntnis. Gott bleibt im Ungefähren unseres Zweifels und unserer Wünsche nicht greifbar.

Das steckt hinter den Zeilen, die wir vorher gehört haben – den Worten des Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus. Denn für Paulus, Timotheus und für ihre Gemeinde war dieses Pudding-Gefühl noch bedrängender als für uns. Ihr Glaube und ihr Gemeindeleben standen unter dem Druck der römischen Herrscher. Paulus war im Gefängnis. Die Frage war: Hat die christliche Gemeinde unter dieser Belastung überhaupt eine Chance?

Da verweist Paulus auf Gott. Der Glauben und Gemeinde Halt gibt. Durch seinen guten Geist. Paulus nennt Gottes Geist einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Dieser Geist treibt alle Furcht und Verzagtheit aus.

Das wird deutlich in dem Bild der Künstlerin Christel Holl, das Sie auf der Postkarte sehen: Netzwerk des Geistes (zu beziehen unter www.gottesdienstinstitut.org). Da sehen wir unten auf dem Bild die vielen Menschen. Etwas verwirrt in verschiedene Richtungen schauend. Der blaue Farbklecks verstärkt den Eindruck der Verwirrung. Eben wie Menschen in unübersichtlichen, schwierigen Lagen so sind – wie Pudding, der nicht festzunageln ist.

Doch an diesen Menschen handelt Gott – er schenkt seinen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Das symbolisiert die Taube, die vom Himmel kommt. Diese Kraft des Geistes Gottes verbindet die Menschen – das macht das Netzwerk deutlich. Das die Menschen verknüpft und bis in den Himmel reicht – oder besser: das vom Himmel zu den Menschen auf die Erde kommt wie die Taube.

Das geschieht, indem Gott Menschen beruft – also zum Glauben einlädt und Glauben weckt. Indem Jesus uns Gottes Kraft gezeigt hat und nahebringt. Nicht, weil wir so stark und so gut sind, werden wir berufen und beauftragt. Sondern weil Gott uns trotz unserer Schwächen brauchen kann, um seine Botschaft, um Glauben, Liebe und Hoffnung weiterzutragen. Weil Gott unendlich viele Gaben in jedes Leben und in jede Gemeinschaft gelegt hat. Diese Kraft bewahrt Gott in uns durch seinen Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Es gibt keine unbegabten Menschen. Weil Gott sich bei jedem Leben etwas gedacht hat, was er damit dieser Welt schenken will. Doch diese Gaben müssen aufgeweckt werden in uns – entfacht wie ein Feuer. So können die Worte des Paulus aus dem Griechischen übersetzt werden. Christel Holl zeigt das in ihrem Bild an den Feuerflammen, die mit der Taube aus dem Himmel zu den Menschen kommen. Die Gaben aktivieren. Auch bei mir – die Linien und Initialen der Künstlerin verschmelzen in der rechten unteren Ecke zu einem „ICH“.

Diese Gaben soll dann niemand für sich behalten. Sie sollen sich verbinden zum Netzwerk des Geistes. Jeder seine Aufgabe übernehmen, wie es seiner Begabung entspricht. Das braucht eine gewisse Ordnung und Struktur – von Paulus hier am Bild der Berufung durch Handauflegung verdeutlicht. Wie wir es ja bis heute in unseren Kirchen tun. Aber zugleich soll diese Ordnung die Freiheit und Vielfalt fördern und stützen, nicht aber einengen. Denn Gottes Geist lässt sich nicht festnageln.

Pudding lässt sich nicht an die Wand nageln, Gott und Menschen lassen sich nicht festnageln. Gut so. Aber Gott sendet seinen Geist, der uns vernetzt. Der uns nach außen treten lässt. Keinen Geist der Furcht und Verzagtheit. Sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Der Glauben, Lieben und Hoffen in diese Welt trägt. Amen.