20. Oktober 2019 - 18. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Jakobus 2,14-26

Meine Brüder und Schwestern,stellt euch vor: Jemand behauptet, an Jesus zu glauben. Was nützt ihm das, wenn er seinen Glauben nicht in die Tat umsetzt? Kann dann der Glaube ihn retten? Und weiter: Ein Bruder oder eine Schwester hat keine Kleider. Ja, er hat nicht einmal das tägliche Brot zu essen. Einer von euch könnte nun zu ihnen sagen: »Friede sei mit euch, ihr sollt es warm haben und satt sein!« Was nützt das, wenn ihr ihnen nicht gleichzeitig gebt, was sie zum Leben brauchen?

So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er allein bleibt und nicht in die Tat umgesetzt wird, ist er tot. Es könnte nun jemand einwenden: »Der eine hat den Glauben, der andre hat die Taten.« Dem würde ich antworten: Zeige du mir erst einmal deinen Glauben, der nicht in die Tat umgesetzt wird. Ich kann dir jedenfalls an meinen Taten zeigen, was Glaube wirklich ist. Du törichter Mensch, willst du es denn nicht einsehen: Ein Glaube, der nicht in die Tat umgesetzt wird, ist nutzlos! Sein Glaube und sein Handeln wirken zusammen. Und erst das Handeln bringt den Glauben zum Ziel.Ohne den Geist ist der Körper tot.Genauso ist auch der Glaube tot, wenn er nicht in die Tat umgesetzt wird.

Liebe Gemeinde!

Manchmal haben wir das Gefühl, unser Leben läuft auf immer gleichen Bahnen ab. Wie ein ewiges Karussell von Aufstehen, seine Arbeit tun, Freizeitbeschäftigungen, Essen, Schlafen … Es scheint sich nichts zu ändern. Vor Jahren hat mich da die Rückfrage einer Kollegin aufgeschreckt, als ich meine damalige Tätigkeit vorstellte: Und was wäre anders, wenn du da überall nicht dabei wärst? Wäre das Leben, wäre unsere Welt eine andere, wenn wir nicht da wären? Wir kennen durchaus diese Frustmomente, in denen wir uns fragen: Welchen Sinn hat das alles? Warum mache ich das so? Was kommt dabei heraus?

Deshalb ist es gut, wenn wir das Karussell unseres Lebens von Zeit zu Zeit anhalten. Wenn es Unterbrechungen gibt, die uns zurückblicken lassen. Und zugleich den Blick nach vorne richten auf unsere Zukunftsaussichten.

Viele sind heute hier in den Gottesdienst gekommen, weil sie ihr Jahrgangstreffen haben, weil Sie oder ein Angehöriger in diesem Jahr 85 geworden sind oder werden. So ein Jahrgangstreffen ist ein Stopp des Lebenskarussells. Da blickt man gemeinsam zurück – erinnert sich an längst vergangene Schulzeiten, an die Konfirmation vor siebzig Jahren kurz nach der Einführung der D-Mark, von der man noch nicht so viel im Geldbeutel hatte, an Ausflüge, Begegnungen, Gespräche. An Menschen, die schon lange nicht mehr da sind und solche, an die damals noch keiner dachte, die aber heute selbstverständlich zum Leben dazugehören: Ehepartner, Kinder, Enkel.

Das regt auch zur persönlichen Lebensbilanz an. Man merkt: das Leben, unsere Welt, ich selbst – wir haben uns verändert. Es war kein Karussellbetrieb, sondern eher ein Baum. Auch er ist immer gleichen Kreisläufen des Lebens unterworfen: Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Doch sie führen zum Wachstum. Sicher gibt es manche Zweige, die nicht zur Entfaltung kamen. nach oben. Aber doch hat sich unser Lebensbaum so entwickelt, dass wir nach 85 Jahren hier wohlbehalten angekommen sind. Man entdeckt: Ich habe doch einiges erreicht, war und bin für andere wichtig, mein Leben hat Früchte getragen. Es ist wertvoll für meine Familie, meinen Freundeskreis – ja für diese Welt.

Da haben wir gerade einen Abschnitt aus dem Jakobusbrief gelesen. Jakobus legt Wert darauf: Euer Leben soll Früchte bringen. Was euch in eurem Leben wichtig ist, das soll sichtbar werden. Euer Leben, euer Glauben, eure Hoffnung – sie sollen nicht ein immer gleicher Kreislauf des Lebens sein. Wie ein Karussell immer wieder an der gleichen Stelle herauskommen ohne Sinn – sondern eben wie ein Baum fruchtbar sein für andere Menschen und für diese Welt.

Wie kann das geschehen? In der Natur bringt ein Baum nur Früchte, wenn er in gutem Boden feste Wurzeln hat, wenn ein stabiler Stamm die Kraft aus den Wurzeln in Äste und Zweige bringt. So soll es in unserem Leben auch sein. Für uns Christen ist die Wurzel unseres Lebensbaums die Liebe Gottes. Die Liebe Gottes, die uns unser Leben geschenkt hat, die uns zu einmaligen, unverwechselbaren Menschen gemacht hat. Gott zeigt seine Liebe zu unserer Welt auch durch unser Leben – durch deines wie durch meines.

Der Stamm unseres Lebensbaumes ist der Glaube – unser Vertrauen auf Gott und seine Liebe. Wir vertrauen: Gott schenkt uns Halt und Kraft. Sogar über unser irdisches Leben hinaus. Gott macht aus unserem Leben etwas Wertvolles für diese Welt.

Doch so wie ein Baum, der stabile Wurzeln und einen starken Stamm hat, tot wäre, wenn er keine Früchte bringt, so ist das auch mit unserem Glauben an Gott und seine Liebe. Jakobus schreibt: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“ Ein Glaube, der nur zu meinem persönlichen Wohlbefinden dient, der nur mir sagt: Du bist von Gott geliebt – und mehr nicht - der hat keinen Sinn. Wie ein Baum ohne Frucht.

Wer nur glaubt mit der Hoffnung auf ein besseres und leichteres Leben für sich, der muss sich nicht wundern, wenn er das Gefühl hat: Ich drehe mich Tag für Tag im gleichen Kreis wie im Karussell. Kreise nur um mich selbst. Mein Leben ist wirkungslos für diese Welt.

Jakobus nennt ein Beispiel, wie ich aus diesem Kreislauf um mich selbst herum herauskomme: Wenn ein Mensch unsere Hilfe braucht, dann kann ich ihn mit meinem Mitleid und guten Worten abspeisen. Oder denken: Darum sollen sich andere kümmern. Damit halte ich mir seine Not vom Hals, habe meine Ruhe – aber die Not wird nicht gelindert. Toter, wirkungsloser Glaube eben. Leben ohne Früchte. Ein Baum ohne Krone.

Stattdessen: Die Not sehen und die Hilfe anbieten, die nötig und möglich ist. Wenn wir offene Augen, offene Ohren, offene Herzen und offene Hände für unsere Mitmenschen haben, dann wird unser Glaube sichtbar, dann bringt unser Leben Früchte. Mit jedem Zeichen der Liebe, mit jeder helfenden Hand verändern wir unsere Welt. Jeder Mensch, dem wir weiterhelfen, macht deutlich: wir sind wichtig für andere. Wir brechen aus dem Karussell des Alltags aus. Kommen voran. So ist auch die Frage vom Anfang einfach zu beantworten: „Was wäre anders, wenn du nicht da wärst?“ Dann hätte dieser Mensch in seiner Not keine Hilfe gehabt.

Natürlich sollen und können wir nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Das erwartet niemand von uns – Gott am allerwenigsten. Aber immer wieder unseren Mitmenschen wahrnehmen, offen sein, hilfsbereit – dann lebt unser Glaube.

Der Tag heute: Dankbarer Rückblick. Und zugleich der Blick nach vorne: Wo können wir für andere da sein? Wer braucht mich? So weitergehen: Eingewurzelt in Gottes Liebe, getragen vom Vertrauen auf ihn, bereit, Frucht zu bringen, die bleibt. Amen.