20. Januar 2018 - Ökumenischer Gottesdienst zum Neujahrsempfang


Predigt zu 2.Korinther 4,5-10

Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen.

Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.

Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.

Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.

Liebe Gemeinde!

Es war in einem Skiurlaub vor mehr als zwanzig Jahren. Im selben Hotel wie wir war ein junges Ehepaar aus Sachsen. An einem Abend kamen wir ins Gespräch. Irgendwann die unvermeidliche Frage des Mannes: „Und was machen Sie beruflich?“ Meine wahrheitsgemäße Antwort: „Pfarrer!“ Ich schaute in vier irritierte Augen. Sie konnten damit nicht so richtig was anfangen – das merkte man. Kurzes etwas peinliches Schweigen. Das überbrückt die Frau durch eine zweite Frage: „Evangelisch oder katholisch?“ Ich antwortete wieder wahrheitsgemäß: „Evangelisch.“ Die Reaktion: „Evangelisch ist – glaube ich – nicht so schlimm wie katholisch.“ Schnell fragte ich nach dem Beruf der Gesprächspartner und wir unterhielten uns über ihre Tätigkeit als Installateur.

Nun kann man natürlich anführen, dass vierzig Jahre staatlich geförderter Atheismus in der DDR einige Defizite im Wissen um das Wesen der christlichen Kirche hervorbrachte. Aber zum Nachdenken gebracht hat mich diese Aussage trotzdem. Denn in der Quintessenz heißt sie doch: Christentum ist etwas Schlimmes – die eine Konfession ist schlimmer als die andere. Wäre ich katholisch gewesen, hätte unsere Gesprächspartnerin vermutlich höflich andersherum formuliert: Katholisch ist nicht so schlimm wie evangelisch.

Diese Haltung: Christentum ist irgendetwas Schlimmes, der begegnet man ja häufiger. Wahlweise bekommt man als Christ die Kreuzzüge oder die Hexenverbrennungen, die Religionskriege oder die Kirchensteuer, die Badewanne des Bischofshauses in Limburg oder das Kirchenasyl für Flüchtlinge vorgehalten. Oder es folgen Erzählungen von Pfarrern früherer Generationen, die offensichtlich ausschließlich brüllend oder prügelnd unterwegs gewesen scheinen.

Meine Antwort auf solche Vorwürfe: Natürlich gibt es bei Christen und in der Geschichte der christlichen Kirche insgesamt viele Verfehlungen – ja auch schwere Versäumnisse und sogar Verbrechen. Um die Schwächen einer christlichen Gemeinde wissen wir in ihr Engagierten ja sogar besser Bescheid als viele Außenstehende. Und ich füge in solchen Gesprächen gerne hinzu: Selbst, wenn es eine perfekte Kirchengemeinde gäbe – sie wäre in diesem Augenblick nicht mehr perfekt, wenn ich dazu kommen würde. Denn ich bin ein Mensch mit vielen Fehlern und Schwächen. Wie übrigens vermutlich fast die meisten von uns.

Diese Vorhaltungen scheinen bereits dem Apostel Paulus vertraut gewesen zu sein, wie wir eben in dem Abschnitt aus dem zweiten Korintherbrief hören konnten. Ihm wurde von den Korinthern seine Schwäche vorgehalten. Seine Unvollkommenheit. Und er gibt zu: Ja – ich bin wie ein Tongefäß. Unscheinbar, zerbrechlich, mit Rissen, Ecken und Kanten.

Aber in diesem Tongefäß steckt ein Schatz. Die unscheinbare, vielleicht sogar unansehnliche Gestalt des irdenen Gefäßes birgt die ganze Lebenskraft Gottes. Gott gewinnt in dieser Welt Gestalt durch schwache, zerbrechliche, fehlbare Menschen.

Paulus vergleicht das mit Gottes Handeln in der Heilsgeschichte an zwei Stellen, in denen Gottes Lebenskraft deutlich wurde. Er vergleicht es mit der Schöpfung und mit dem Weg Jesu Christi.

Die Schöpfung begann, indem Gott über dem Dunkel und dem Tohuwabohu von Wasser und Schlamm sagte: „Aus Finsternis soll Licht aufstrahlen.“ Im Weg Jesu Christi kam Gottes Licht in die Nacht des Stalles von Bethlehem, in die Dunkelheit von Kreuz und Grab. Gott ergriff jeweils die Initiative, indem sein Licht in dieser Welt aufleuchtete.

Und genauso ist es im Leben der Christen und der christlichen Gemeinde: Gott gibt in unsere Herzen sein Licht. Seine Kraft wirkt in uns – seine Kraft, die die Welt geschaffen hat. Seine Kraft, die Jesus vom Tod ins Leben führte. Also Gottes Lebenskraft.

Diese Kraft gibt er uns. Er legt den Schatz seines Lichtes in uns, die wir wie zerbrechliche Tongefäße sind. Durch unsere Gemeinden und durch uns als Christen soll Gottes Licht in diese Welt ausstrahlen. Obwohl wir häufig so schwach sind, Fehler machen, andere Menschen enttäuschen – und uns oft noch mehr selbst enttäuschen. Vermutlich leiden andere unter meinen Fehlern oft weniger als ich selbst.

Warum aber nur kommt Gott auf diese merkwürdige Idee, sein Licht durch uns unvollkommene Christen in diese Welt zu bringen? Dass deutlich wird: Es geht nicht um uns Menschen. Nicht wir stehen im Mittelpunkt des Lebens einer Kirchengemeinde. Und schon gar nicht sind wir es, die die Welt retten müssten. Sondern Gott tut es und kann uns dazu gebrauchen. „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“

Das entlastet uns. Wir sind Menschen, die in aller Schwäche und Unvollkommenheit auf Gottes vollkommene Kraft vertrauen. Gottes Licht strahlt durch uns hindurch. Wenn wir Knechte der anderen werden. Einander helfen und unterstützen.

Und das kann der Aufzählung der Fehler und Schwächen des „schlimmen Christentums“ entgegengesetzt werden: Die vielen Christen, die sich engagieren, um Hilflosen zu helfen, Traurige zu trösten, Ängstlichen zur Seite zu stehen, Streitende zu versöhnen, mit jungen und älteren Menschen das Leben zu teilen, für diese Welt und ihre Menschen zu beten.

Deshalb ist es gut, dass es Christen und Kirchengemeinden gibt in einer Stadt und in der Gesellschaft. Trotz aller Fehler und Schwächen. Dass das Licht der Schöpfung und des Lebens, der helle Schein Gottes durch uns hineinleuchtet, wo es dunkel ist. „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.“ Amen.