2. September 2018 - 14. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu 1. Thessalonicher 1,2-10

Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unsern Gebeten und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus. Brüder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; denn unser Evangelium kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Fülle. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen. Und ihr seid unsere Nachfolger geworden und die des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Makedonien und Achaia. Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn nicht allein in Makedonien und Achaia, sondern an allen Orten hat sich euer Glaube an Gott ausgebreitet, sodass es nicht nötig ist, dass wir darüber etwas sagen. Denn sie selbst verkünden über uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns errettet von dem zukünftigen Zorn.

Liebe Gemeinde!

„Du bist ja ein richtiger Miesepeter!“ Das sagte ich zu mir während des letzten Urlaubs. Eigentlich war ja alles sehr schön – Grund genug, sich einfach über die freien Tage und die Möglichkeiten, die der Urlaub bietet, zu freuen. Aber stattdessen immer wieder diese anderen Gedanken: Man kommt auf die Terrasse eines Cafés, aber alle Plätze im Schatten sind belegt – Ärger: Warum sitzen die da, gerade wenn ich im Schatten Kaffee trinken will! Ist man zu Fuß unterwegs, ärgert man sich über die Radfahrer, die im Rücken angerast kommen. Ist man mit dem Fahrrad unterwegs, ärgert man sich über die Fußgänger, die die ganze Breite von Fußweg und Radweg versperren. Als Fußgänger und Radfahrer ärgert man sich über die vielen stinkenden Autos und als Autofahrer über die vielen Radfahrer und Fußgänger, auf die man ständig Rücksicht nehmen muss. Im Supermarkt nervt die Kassenschlange und auf dem Balkon die Wespenplage. Schließlich: Das Wetter ist entweder zu heiß oder zu kalt, zu trocken oder zu regnerisch – und an der Nordsee bläst der Wind grundsätzlich aus der falschen Richtung. Ständig habe ich mich bei solchen negativen Gedanken ertappt. Eben richtig miesepetrig.

Als ich mir diese Gedankengänge klar gemacht habe, wurde mir deutlich: Es ist eigentlich nur eine Frage des Blickwinkels. Statt mich über fehlende Schattenplätze im Café zu ärgern, mich zu freuen: Ich habe Zeit, Kaffee zu trinken und es gibt noch freie Plätze. Wenn ich in der Sonne schwitze, ist das doch egal – ich habe Urlaub und muss niemand verschwitzt unter die Augen treten. Im Straßenverkehr ob als Radler, Fußgänger oder Autofahrer: Ich habe im Urlaub keinen Termindruck. Also brauche ich nicht zu drängeln. Bei der Schlange im Supermarkt einfach an einen netten Spruch denken, den ich vor Jahre an einer Kasse beim Netto-Markt auf Norderney hörte. Es waren auch viele Touristen ungeduldig, da meinte der Verkäufer: „Sind Sie eigentlich im Urlaub oder auf der Flucht?“ Und beim Wetter gilt sowieso: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die unpassende Kleidung.

Also: Wie ich mein Leben sehe, ist eine Frage des Blickwinkels. Immer als Miesepeter das Negative oder als zufriedener Mensch das Positive. Ist mein Glas halb leer oder halb voll? Sehe ich, was ich habe, oder nur das, was mir fehlt?

Warum aber ist es zumindest bei mir so, dass ich so leicht auf die Miesepeter-Schiene gerate? Eher das Negative sehe? Mich schneller ärgere als mich freue?

Ich habe dazu vor einigen Wochen einen interessanten Artikel gelesen: Unser Gehirn ist so strukturiert, dass wir uns immer en Problemen zuwenden. Das ist ja grundsätzlich auch gut, weil wir dadurch schwierige Situationen besser meistern können, als wenn wir die Probleme verdrängen. Aber deshalb haken wir gelöste Probleme sofort ab und wenden uns neue zu. Und je mehr gravierende Probleme gelöst sind, desto mehr beschäftigen wir uns mit Kleinigkeiten und bauschen die damit zu Problemen auf. Wer sich keinen Urlaub leisten kann, für den sind meine Miesepeter-Gedanken vom Anfang Luxusprobleme. Wir Deutschen ärgern uns ja nur deshalb über Wetter, Mitreisende und Hotels im Urlaub, weil es uns so gut geht, dass wir überhaupt verreisen können.

Und das gilt ja nicht nur vom Urlaub – das erleben wir ja in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. Auch in der Kirche. Mir wurde das deutlich in meiner Zeit als hauptamtlicher Jugendpfarrer in Bezirk und Prälatur Ulm. Ich kam ja oft in Kirchengemeinden, die mir ihre Situation in der Jugendarbeit schilderten. Immer wieder war ich echt beeindruckt, was die alles machten – welche Gruppen, Aktionen und Mitarbeiter sie hatten. Das sagte ich dann oft: Mensch, das ist ja toll, was bei Euch alles läuft. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es nie die Reaktion: Das stimmt! Wir sind dankbar für dieses große Geschenk! Sondern es kam durchweg: Aber es bröckelt bei uns – früher hatten wir zwei Jungscharen, heute nur noch eine. Früher sind fast alle Konfirmierten in den Jugendkreis gegangen. Früher hatten wir jeden Sonntag Kinderkirche mit über sechzig Kindern. Das machte mich immer sehr traurig: Wer immer nur das Glas halb leer statt halbvoll sieht, macht sich das Leben unnötig schwer. Wer immer nur sieht, was fehlt, und nicht, was er hat, der raubt sich selbst die Motivation zur Arbeit.

Deshalb ist es so schön, wie der Apostel Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Thessaloniki beginnt. Voll des Lobes über den Glauben, die Liebe und die Hoffnung der Christen in dieser griechischen Hafenstadt. Und er lobt nicht nur die Gemeinde, sondern dankt Gott dafür. Weil Paulus weiß: Wenn Menschen an Gott glauben, wenn sie die Liebe Gottes weitergeben, wenn sie Hoffnung auf Gott ausstrahlen – dann ist das nicht deren Leistung. Sondern es ist Gottes Geschenk. Diese Christen sind von Gott geliebt und zum Dienst berufen. Es war Gottes guter Geist, der mit seiner Kraft der guten Nachricht von Jesus Christus in dieser Gemeinde so viel Wirkung verschafft hat. Dass bis heute Menschen Glaube, Liebe und Hoffnung leben – das ist und bleibt ein Wunder Gottes, das ist Grund genug erst einmal einfach Gott nur danke zu sagen.

Schauen wir doch unser Leben so an: Was schenkt mir Gott? Was gibt uns Gott? Wofür bin ich dankbar? Dann hat zunächst nicht die Stimme des Miesepeters das erste Wort, sondern das Lob Gottes. Das gilt für den Urlaub, das gilt für unser Leben insgesamt, das gilt für unsere Kirchengemeinde.

Wir dürfen unendlich dankbar sein, für die Menschen in unserer Kirchengemeinde – die von Gott geliebt sind und von Gott berufen. Die den Gottesdienst mitfeiern, die sich engagieren in den Gruppen, Kreisen und Chören, die angestellt sind – ob im Kinderhaus oder beim Gebäudemanagement, in der Verwaltung oder der Kirchenmusik. Aber ebenso die, die unsere Arbeit durch Kirchensteuer und Spenden ermöglichen – auch wenn sie selbst die Angebote selten nutzen. Und die, die etwas von uns erwarten und deshalb sich trauen, taufen oder konfirmieren lassen. Die um die Trauerfeier für ein Familienmitglied oder um die Taufe eines Kindes bitten. Jeder einzelne von ihnen – von Gott geliebt und von Gott berufen. Ein Geschenk Gottes.

Deshalb ist eine Kirchengemeinde auch kein Freundeskreis oder eine Sympathiegruppe. Natürlich ist es schön, wenn Menschen auch in einer Kirchengemeinde sich sympathisch sind oder gar miteinander befreundet – doch Voraussetzung ist das nicht. Freunde sucht man sich, Geschwister hat man – das gilt auch von den Geschwistern im Glauben. Die Menschen annehmen, so wie sie sind. Mit den Eigenschaften, die mir passen – und gerade auch den anderen. Gerade wo jemand anders denkt, redet und handelt als ich, kann das besonders wertvoll für die gemeinsame Sache sein. Weil er vielleicht Dinge und Personen wahrnimmt, wo ich blinde Flecken habe. Menschen anspricht, die ich nicht erreiche. Dinge tut, die ich nicht kann.

Diese Grundhaltung: Dankbar und zufrieden leben – sie wirkt attraktiv. Paulus wurde damals zum Vorbild für die Thessalonicher. Und sie wiederum zum Vorbild für die anderen christlichen Gemeinden in Griechenland. Miesepeter, die in jeder Suppe ein Haar finden, sind selten sympathische Menschen. Strahlen nichts Positives aus. Wenn wir als Menschen und als Kirchengemeinde für andere attraktiv sein wollen, müssen wir diese dankbare Grundhaltung haben.

Das bedeutet natürlich nicht, Schwierigkeiten zu verdrängen. Paulus spricht Probleme durchaus ebenso an in seinem Brief an die Thessalonicher – aber erst nach dem Lob. Dass das Kritische unter ein positives Vorzeichen gestellt wird. Wie bei jedem Feedback wichtig ist, erst zu sagen, was wir gut fanden und dann das Kritische.

Dankbar und zufrieden gegenüber Gott und den Menschen. Wenn wir so leben, sind wir Christen und Gemeinde Jesu Christi. Dann machen wir Mut zum Glauben. Verkörpern die Liebe. Und stiften Hoffnung – über das Negative in dieser Welt hinaus. Hoffnung auf Jesus, den Sieger über den Tod. Der in diese Welt kommt und sie verwandelt. Gott sei Dank! Amen.