15. September 2019 - 13. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Markus 3,31-35

Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte. Aber die Volksmenge saß um Jesus. Und sie sagten zu ihm: »Sieh doch: Deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen.« Aber Jesus antwortete ihnen: »Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?« Und er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen, und sagte: »Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«

Liebe Gemeinde!

Was ist mir wichtig? Wenn ich das Jugendliche frage, kommt in der Regel eine Antwort: Familie und Freunde. Und die meisten Erwachsenen würden es ebenso sagen. Familie und Freunde sorgen dafür, dass ich nicht allein bin. Dass jemand mir hilft, wenn ich Hilfe brauche. Dass wir zusammen uns freuen, miteinander lachen, aber auch uns trösten und weinen können.

Für unsere Familien sind wir meist besonders dankbar, weil wir von unseren Eltern unendlich viel erhalten haben. Die unseren Start ins Leben ermöglichten. Mit ihrer Lebensleistung uns gute Voraussetzungen für unser Leben gaben. Uns unterstützen. Gerade unsere geburtenstarken Jahrgänge, die in den sechziger Jahren geboren sind, hatten und haben Eltern, die nach dem Krieg wirklich viel aufgebaut haben. Die uns ermöglichten, dass wir es besser haben als sie. Und bei den meisten von uns ist auch unser Glaube durch das Elternhaus geprägt. Durch das, was Eltern und Großeltern uns vorlebten und uns mitgaben. Deshalb sind wir als Kirchengemeinde ja besonders stark, wenn es um Angebote für Familien geht.

Doch natürlich hat das Familienleben auch seine Grenzen. Es gibt den etwas sarkastischen Satz: Freunde sucht man, Verwandte hat man. Es gibt auch ungute Familienbande. Oft treten die Konflikte auf, wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird und es darum geht, wie man sich am besten um ihn kümmert. Manchmal kommen da schwierige Prägungen aus der Kindheit wieder zum Vorschein. Wenn plötzlich Kinder sich um ihre Eltern kümmern müssen. Ein jahrzehntelang eingeübtes Gefälle kippt. Wenn altgewordene Eltern in der beginnenden Demenz plötzlich ihre erwachsenen Kinder wie Kleinkinder anreden. Wenn Geschwister ungelöste Konflikte wieder hervorholen. Oder aber bei einer Erbschaft. Ich habe den Satz so lange für einen Witz gehalten, bis ich es selbst erlebt habe: Redet ihr noch miteinander oder habt ihr schon geerbt?

Oder es gibt Prägungen, die ich in meiner Familie mitbekommen habe und die mich bis heute beeinflussen, ohne dass es mir oft bewusst ist. Gute Sachen, wie den selbstverständlichen und freundlichen Umgang mit anderen Menschen, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit. Und problematische Verhaltensweisen – bei mir etwas, auf das mich vor vielen Jahren einer meiner Mitbewohner im Wohnheim aufmerksam machte: Du redest von vielen Sachen so negativ, ohne dass du es so meinst. Das hat mich überrascht, aber ich entdeckte, dass das bei meiner Mutter immer so war und ich das ohne nachzudenken übernommen habe. Es gibt Sätze unserer Eltern, die zu einer inneren Stimme wurden. Oft genug mahnende und abwertende Dinge. Bei mir bei vielen Sachen: Das kannst du eh nicht!

Familie prägt uns – positiv und manchmal auch negativ. Und der Satz gilt: Wir sind erst erwachsen, wenn wir unsere Eltern nicht mehr für unsere Probleme von heute verantwortlich machen.

Wir haben gerade von einer Begegnung Jesu mit seiner Familie gehört. Maria, seine Mutter, kommt mit seinen Schwestern und Brüdern zu ihm. Vom Vater, von Josef, ist hier nicht die Rede. Vermutlich war er bereits verstorben – nach den Kindheitsgeschichten Jesu hören wir ja nichts mehr von ihm in der Bibel. Und die Frage nach den Geschwistern Jesu ist eine meiner häufigen Quizfragen im Religions- und Konfirmandenunterricht, weil viele nicht wissen, dass Jesus Brüder und Schwestern hatte.

Diese Familienmitglieder wollen Jesus zu sich rufen. Vielleicht wollen sie ihn zurückholen in den geschützten Raum der Familie, weil er als Prediger und Wundertäter aneckte. Vielleicht auch an seine Aufgaben als ältester Sohn erinnern in der Familie samt Zimmermannswerkstatt. Doch Jesus weist sie ab mit der Frage: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“

Damit verschafft sich Jesus zum einen einen Freiraum, weil er Bindungen aus der Familie, die ihn und seine Aufgabe einengen würden, hinter sich lassen kann. Zum anderen verzichtet er auch auf einen Schutzraum, den ihm vielleicht seine Familie gegeben hätte gegen die Angriffe durch andere.

In beidem kann Jesus uns Vorbild sein: Wir müssen uns manchmal freischwimmen von dem, wo wir von unserer Familie ungut geprägt sind. Von Zuschreibungen, Rollenfestlegungen, Leitsätzen. Selber Verantwortung übernehmen für unser Leben. In meiner Ulmer Stelle habe ich viele Praktika von Schülern (in der Regel ab dem neunten Schuljahr – also nicht mehr ganz klein) zu verwalten gehabt. Wie oft nicht die Jugendlichen, sondern die Mütter bei mir erschienen sind, um für ihr Kind eine Praktikumsstelle zu suchen, hat mich erstaunt. Studienberater erzählen das ähnlich: Eine Mutter kommt mit dem erwachsenen Sohn und sagt: Wir würden gerne Maschinenbau studieren. Für den jungen Mann bequem, wenn die Mutter mitstudiert, aber nicht sinnvoll.

Also: Ich muss, um meine Fähigkeiten neu zu entdecken, aus dem Schutzraum der Familie heraustreten. Neues selber ausprobieren. Mich bei neuen Dingen erproben. Auch das Wagnis eingehen, an etwas zu scheitern. Wer nie etwas ausprobiert, weil er denkt: Ich kann das eh nicht, der lebt vielleicht bequem – aber er verarmt. Gerade wenn Eltern zu sehr ihre Kinder betreuen bei Dingen, die sie bereits selber könnten.

Was dann also statt Orientierung an der Familie allein? Jesus setzt ich in die Mitte des Kreises der Zuhörer, schaut sie an und sagt: Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Die Familie Jesu sind also die Menschen, die ihn im Zentrum des Lebens sein lassen, die von ihm angesehen sind, die den Willen Gottes tun.

Jesus im Zentrum: das bedeutet, dass die Gemeinschaft der Christen nicht zusammengehalten wird durch Verwandtschaft wie die Familie, nicht durch Sympathie wie ein Freundeskreis, nicht durch gemeinsame Interessen wie ein Verein. Sondern durch Jesus, dem wir vertrauen, dass er unser Leben begleitet und über unser Leben hinaus wir bei ihm geborgen bleiben.

Von Jesus angesehen: Jesus sieht uns. Mit unseren Schwächen und Stärken, unsere Möglichkeiten und Grenzen. Sagt: Ich will dich in meiner Familie haben. Ich kann dich brauchen wie du bist. Manchmal passiert es selbst heute noch, dass Menschen angesehen sind wegen ihrer Familie oder auch nicht. Ich rede ja Konfirmanden bei der Konfirmation bei der Einsegnung nur mit dem Vornamen an. Da kam der Wunsch aus der Gemeinde: Bitte auch den Nachnamen dazu sagen, wir wollen wissen, wo die Kinder hingehören. Meine Antwort: Beim Segen Gottes zählt nur, dass wir zu Gott gehören und nicht sonst irgendwo hin. Das Angesehen werden durch Jesus ist entscheidend, nicht Familienbande. Und manchmal haben wir in unseren Familien ein bestimmtes Ansehen. Sind auf Rollen festgelegt. Was aber zählt ist nicht, wie andere Menschen uns sehen, sondern wie Gott uns sieht. Was er mit unserem Leben vorhat.

In meiner Familie galt ich immer als jemand, er zwei linke Hände hat. Das war bequem, da ich manches nicht tun musste, weil man sagte: Das kann der eh nicht. Erst als ich nach dem Abitur mein Vorpraktikum machen musste, zunächst auf der Baustelle, dann in der Sozialstation merkte ich, dass ich doch manches konnte oder lernte. Neue Möglichkeiten und Seiten an mir entdeckte.

Den Willen Gottes tun. Nicht das, was wir wollen, nicht das, was andere wollen, sondern das, was Gott will. Zusammenfasst in den Geboten Gottes: Liebe Gott und deinen Nächsten. Letztlich entscheidet das darüber, ob wir zur Familie Jesu gehören: Ob wir diese Liebe leben. Damit Gottes Willen tun – in der Freiheit und Geborgenheit der Kinder Gottes. Amen.