1. Juli 2018 - 5. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu 1. Mose 12,1-4

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Liebe Gemeinde!

Ich erinnere mich an meine Kindheit: Wenn Verwandte zu Besuch kamen, die uns Kinder schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatten, dann kam mit großer Sicherheit der Satz: „Bub, bist du groß geworden!“ Ich konnte diesen Satz nie leiden – ich war doch noch immer derselbe. Aber es ließ sich nicht verdrängen: Ich wurde immer größer.

Irgendwann hörte das Wachstum auf, dafür fielen langsam die Haare aus – irgendwann ließ sich das nicht mehr wegfrisieren. Da half nur noch der Rasierer. Danach ließ die Sehfähigkeit nach – die Arme wurden zu kurz, um einen Text so weit weg zu halten, dass ich ihn noch lesen konnte – so führte der Weg zum Augenarzt, zum Optiker und zur Lesebrille. Und als wir im letzten Frühjahr einen Kollegen unseres Distrikts in den Ruhestand verabschiedeten, wurde mir deutlich: der nächste, der hier im Nahbereich von en Pfarrern in den Ruhestand geht, der bin ich. Unterstrichen wurde das letzten Dienstag durch die Mail des Schuldekans, dass ich im nächsten Schuljahr zwei Wochenstunden weniger Unterricht geben muss, weil mir nun Altersermäßigung zusteht.

An allen diesen Erfahrungen, die Sie genauso kennen wie ich, wird deutlich: Wir verändern uns, so lange wir leben. Weder das Wachstum als Kind lässt sich aufhalten noch die nachlassende Sehfähigkeit verdrängen.

Und das gilt ja nicht nur von den altersbedingten körperlichen Veränderungen, das gilt ja genauso von der Welt um uns herum – die technische Entwicklung geht weiter. Ich sage manchmal bei den Seniorengeburtstagen: wer heute achtzig Jahre alt wird oder älter, hat in seinem Leben Veränderungen erlebt, die die Generationen vor uns nicht in Jahrhunderten durchmachten. Am besten merken wir es in den Kommunikationsmedien: in meiner Kindheit hatte nicht jeder meiner Klassenkameraden ein Telefon zu Hause. Heute trägt jeder von uns ein Smartphone in der Tasche, mit dem man ja nicht nur telefonieren kann, sondern auch ins Internet gehen, soziale Netzwerke pflegen, wichtige Informationen abrufen. Wie haben wir es eigentlich früher geschafft, Termine auszumachen – so frage ich mich manchmal.

Solche Veränderungen bringen sicher Vorteile mit sich, manchmal aber würden wir sie gerne aufhalten. Weil jede Veränderung uns auch verunsichert – übrigens nicht nur uns Ältere. Eine Abiturientin aus einem meiner früheren Oberstufenkurse begegnete mir damals ein halbes Jahr nach dem Abitur im Bus. Auf meine Frage, wie es ginge, die Antwort: Eigentlich war die Schule doch schön – da wusste ich, was zu tun habe. Jetzt im Praktikum im Architekturbüro ist alles so unübersichtlich.

Dieses Gefühl der Verunsicherung durch Veränderung weckt bei uns das Bedürfnis, sichere Orte zu schaffen. Wo wir die Veränderung außen vor lassen können. Das kann eine verklärte Vergangenheit sein, wie bei der Schülerin – die ich im übrigen vor dem Schulabschluss nicht als jemand erlebt hatte, die besonders gerne zur Schule ging. Das kann der Wunsch sein, dass sich in bestimmten Bereichen nichts verändern soll – das erlebe ich oft bei jungen Mitarbeitern aus der Jugendarbeit: Kinderbibeltage, ein Konfi-Wochenende oder ein Kinderkirch-Programm soll möglichst so ablaufen, wie ich es aus meiner eigenen Kindheit oder Konfi-Zeit kenne. Und auch die Abschottungstendenzen, die gerade in vielen ändern zu beobachten sind, gehören in dieses Umfeld: wenn Amerika die Mauer Richtung Mexiko bauen will oder kein europäisches Land Flüchtlinge aufnehmen, steckt dahinter ein Bedürfnis nach Sicherheit. Das Elend der Welt aussperren.

Alle diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt, weil unsere Welt sich weiterdreht und wir uns da nicht ausklinken können – weder durch Flucht, noch durch Einmauern, noch durch verklärte Erinnerungen. Wir müssen akzeptieren: Wir verändern uns, so lange wir leben. Die Welt um uns herum verändert sich. Leben ist immer mit Unsicherheit und Neuanfängen verknüpft. Ob es uns passt oder nicht.

Wie also gehen wir damit um? Da kann die Geschichte von Abraham uns Vorbild sein, die wir gerade gehört haben. Abraham wird im hohen Alter eine Veränderung abverlangt, die fast nicht zu begreifen ist: Er soll aus seiner vertrauten Umgebung in eine ungewisse Zukunft gehen. Noch mehr als es uns durch alle Veränderungen in uns und um uns herum zugemutet wird.

Für Abraham ist aber dieser Aufbruch kein Schicksal. Sondern er ist Befehl Gottes. Gott ruft ihn heraus aus seiner vertrauten Umgebung. Was Abraham kennt, muss er hinter sich lassen: Heimat, Verwandtschaft, Elternhaus. Was kommt, kennt er nicht – Gott wird es ihm erst zeigen.

Woran aber kann sich Abraham halten, wenn er diese Veränderungen durchmachen muss? Woran können wir uns halten in den unausweichlichen Veränderungen unseres Lebens und unserer Welt?

Drei Dinge nennt Gott dem Abraham:

  1. Du bist gesegnet!
  2. Mein Segen beschützt dich!
  3. Durch dich werden andere gesegnet!

Das Erste: Du bist gesegnet! Gott verspricht dem Abraham: Ich will dich segnen und dich zu einem großen Volk machen. Abraham und seine Frau Sara hatten ja bis ins hohe Alter keine Kinder bekommen. Das hieß in damaliger Zeit ohne Altersvorsorge und Pflegeversicherung: Ihr habt keine Zukunft. Gott verspricht nun durch seinen Segen dem Abraham und der Sara neue Lebensmöglichkeiten. Gott verspricht Wege in eine Zukunft, wo Abraham bisher nur Mauern sah.

Die Wege in die Zukunft sind immer Wege, die Gott mitgeht. Wir gehen in ein unbekanntes Land, aber wir gehen mit Gott und seinem Segen. Er bahnt uns die Wege.

Wenn ich es aus meiner eigenen Lebensgeschichte sagen kann: ich bin in meinem Leben sechzehnmal umgezogen. Die meisten Umzüge waren nicht freiwillig. Weckten auch Sorgen – und am Ende musste ich feststellen: Jede Lebensstation war auf ihre Weise gut. Gottes Segen durfte ich immer erleben. Das macht Mut für alles, was kommt.

Das Zweite: Gott sagt zu Abraham: Mein Segen beschützt dich! Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich schmähen. Wir Menschen können nie absolute Sicherheit gewinnen. Keine auf Dauer schützende Mauer um uns herum ziehen. Nur Gott kann diese Schutzmauer sein. Sein Segen umgibt uns. Deshalb brauchen wir nicht nach falscher Sicherheit suchen. Uns abschotten gegen andere Menschen. Sondern im Vertrauen auf Gottes Schutz Neuem und Fremdem begegnen.

Ich bin jemand, der ungern Neues anfängt. Ungern fremden Menschen gegenübertritt. Aber immer dann, wenn so Neues bevorstand, habe ich mir das so gesagt: Du Gott bist bei mir. Du beschützt mich. Da konnte ich auf andere zugehen. Und habe gemerkt, wie sich meine Nervosität legte. Wenn ich mich immer meinem Abgrenzungsimpuls hingegeben hätte – ich wäre heute einsamer und unglücklicher.

Und das Dritte: Durch dich werden andere gesegnet! Wenn wir uns auf neue Lebensabschnitte, neue Menschen, neue Erfahrungen einlassen, haben auch andere etwas davon. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ So sagt Gott es Abraham zu. Wenn wir nur uns abgrenzen, kann der Segen nicht durch uns weitergehen. Wir werden zum Segensträger, wenn wir zu anderen gehen.

Unser Leben besteht aus Veränderungen. Wir können ihnen nicht entgehen. Lassen wir uns also auf sie ein. Im Vertrauen auf Gott, der mitgeht und derselbe bleibt bei allem, was kommt. Der Abraham und uns zusagt:

  1. Du bist gesegnet!
  2. Mein Segen beschützt dich!
  3. Durch dich werden andere gesegnet!

Amen.